„Lasse niemals eine Krise ungenutzt“ Till Kellerhoff im Interview zum aktuellen Club of Rome Bericht „Earth4All“

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Till Kellerhoff ist Projektleiter des neuen Club of Rome Berichts „Earth4All“. Wie der Titel anmuten lässt, ruft er zu weniger Ungleichheit, mehr Solidarität und tiefgreifenden sozial-ökologischen Transformationen auf. Worauf wir 50 Jahre nach dem ersten Club of Rome Bericht „Grenzen des Wachstums“ hoffen können und warum wir alle von einer faireren Gesellschaft profitieren, erzählt Kellerhoff im Interview. Eine Bericht-Zusammenfassung des Club of Romes gibt es hier.

Interview: Olivia Leth

Cooppa: Der erste Bericht des Club of Romes „Grenzen des Wachstums“ ist vor genau 50 Jahren erschienen. Warum ist genau dieses Jahrzehnt so entscheidend für soziale und ökologische Transformationen?

Kellerhoff: Wir sehen, wie sich Auswirkungen des expansiv genutzten Wirtschaftssystems gerade manifestieren. In der Eskalation der Klimakrise, in Extremwetterereignissen, Überflutungen in Pakistan oder Hitzesommer auf der ganzen Welt. Die IPCC-Berichte zeigen uns, dass wir in den nächsten 8-10 Jahren massiv unsere Wirtschaft in Richtung Klimaneutralität umstellen müssen, das 1,5°C Ziel zu erreichen. Das nächste Jahrzehnt ist entscheidend, diese sozialökologischen Transformationen anzustoßen. Ansonsten kommt es zu weiteren Eskalationen, Kipppunkte werden überschritten und die Klimakrise nimmt weiter Fahrt auf.

Cooppa: Der Bericht beschreibt im Grunde zwei Szenarien: Unseren derzeitigen Kurs, “Too Little Too Late”, und „A Giant Leap“, der Kurs in eine resiliente Zukunft.  Worauf steuern wir aktuell zu?

Kellerhoff: In „Too Little Too Late“ kommen wir zu wesentlichen Erkenntnissen. Wir glauben, dass die Ungleichheit auf der Welt weiter zunehmen wird. Diese Zunahme führt zu Spannungen innerhalb der Gesellschaft, was Gesellschaften dysfunktional werden lässt und Konflikte weiter anheizt. Das wiederum wird dazu führen, dass keine Maßnahmen für den Klimaschutz gesetzt werden können. Temperaturen werden weiter ansteigen und 2050 die 2°C überschreiten. Das heißt, wir rechnen nicht nur mit einem ökologischen Kollaps, wie er in „Grenzen des Wachstums“ beschrieben wird, wir werden auch einen sozialen Kollaps erleben.

Cooppa: Das sind erstmal keine guten Aussichten. Der Bericht behält aber trotzdem eine überraschend optimistische Haltung. Wie rechtfertigt sich die nach 50 Jahren stagnierender Umweltpolitik?

Kellerhoff: Ob das optimistisch ist oder nicht, das wird von den 30 Autor:innen unterschiedlich gesehen. Es war uns wichtig mit wissenschaftlichen Daten zu zeigen, dass die notwendige Transformation theoretisch möglich ist, wenn wir wollen. Aber das Narrativ ist ganz klar: Es braucht massive Transformationen in den Bereichen Energie, Nahrung, Bekämpfung von Ungleichheit, Bekämpfung von Armut und Gleichstellung der Geschlechter. Wenn wir die umsetzen, haben wir eine Chance das Klima zu stabilisieren und einen sozialen Ausgleich zu setzen.

Cooppa: Ist es nicht vielleicht sogar notwendig, eine positive Haltung einzunehmen, um der Klimakrise erfolgreich zu begegnen?

Kellerhoff: Das ist immer eine Gradwanderung. Es gibt Menschen, die auf starke Warnungen mit Resignation reagieren, das wollen wir natürlich nicht erreichen. Zu positive Nachrichten verwässern aber oft auch die Aussage. Wir wollen auf die Dringlichkeit hinweisen aber gleichzeitig zeigen, dass es möglich ist. Schaut man rein auf die Fakten, kann man pessimistisch werden, aber aufzugeben ist trotzdem keine Option.

Cooppa: Die Verursacher der Klimakrise sind nicht diejenigen, die ihre Auswirkungen zuerst spüren werden. Wer sind die Verursacher und wie wichtig ist es, Perspektiven von Menschen des globalen Südens in der Maßnahmensetzung zu berücksichtigen?

Kellerhoff: Das ist absolut wichtig. Wir haben eine Earth4All-Kommission gegründet mit ökonomischen Denker:innen aus der ganzen Welt. Ungleichheit ist eines der größten Probleme, nicht nur aus moralischer Sicht, sondern auch für die Bekämpfung der Klimakrise. Ungleichheit hat viele Dimensionen. Die ärmste Bevölkerungshälfte verfügt über 2% des Gesamtvermögens, während 75% in den Händen der reichsten 10% liegen. Gleichzeitig waren die reichsten 1% zwischen 1990 und 2015 für doppelt so viele Emissionen verantwortlich wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.

Wir sehen, dass die Verursacher der Klimakrise eine reiche Minderheit ist. Wenn man die Verursacher klar benennt und die auch die Kosten tragen müssen, findet man einen entsprechenden Umgang mit der Klimakrise.

Cooppa: Eine Schlüsselforderung ist die Besteuerung der reichsten 10%. Mit welchen Incentives, also welchen Anreizen, sollen Regierungen diese Forderung umsetzen?

Kellerhoff: Wir müssen vermitteln, dass eine fairere Gesellschaft auch im Interesse der reicheren Menschen in den Gesellschaften liegt. Gesellschaften werden dysfunktional, wenn die Ungleichheit groß wird. Forschungen haben gezeigt, dass Länder, in denen mehr Gleichheit herrscht, in allen Bereichen des Wohlergehens besser abschneiden. Eine progressive Besteuerung zum Beispiel ist ein Vorteil für alle. Wir sehen gerade, dass die Paradigmen des Neoliberalismus an ihre Grenzen kommen.

Cooppa: Gerade wenn wir sehen, dass sich viele schon bei vergleichsweise kleinen Krisen unsolidarisch verhalten: keine Masken in der U-Bahn tragen oder Hamsterkäufe machen. Wie soll das funktionieren in einer Gesellschaft, die sich so wenig als Kollektiv versteht?

Kellerhoff: Darum wollen wir dieses Zusammengehörigkeitsgefühl stärken. Wir brauchen eine Gesellschaft, die an einem Strang zieht und sich nicht von Polarisierung auseinanderdividieren lässt. Das ist kein Selbstläufer. Dafür braucht es politische Überzeugungsarbeit, Parteien, die Maßnahmen umsetzen – auch gegen Lobbyinteressen. Es muss klar werden, dass es für Gesellschaften einen intrinsischen Grund gibt. Und es gibt ja schon Fortschritte: Anstöße für eine Mindestbesteuerung durch die OECD zum Beispiel.

Cooppa: Der Bericht fordert Transformationen der Ernährungs-, Energie- und Finanzsysteme. Wie kann das im globalen Maßstab funktionieren? Sind unsere Grundvoraussetzungen nicht zu unterschiedlich?

Kellerhoff: Auf jeden Fall. Lösungen sehen auf lokaler Ebene immer anders aus. Global kann man internationale Finanzsysteme so umstellen, dass mehr Geld für Investitionen in nachhaltige Energien für einkommensschwache Länder fließen kann. Für die Umstellung der Ernährungs- und Energiesysteme gibt es natürlich unterschiedliche Zeitleisten. Europäische Länder und die USA müssen eher zu Netto Null CO2 als Indien und China. Es gibt also schon globale Grundprinzipien, die für die ganze Weltgemeinschaft gelten. Beispielsweise, der rasche Ausbau regenerativer Energiesysteme, in manchen Ländern muss das mit einer finanziellen Unterstützung passieren und andere müssen das selbst stemmen. Dafür braucht es mehr Globalismus auf politischer Ebene, globale Koordination aber auch zum Beispiel eine re-Regionalisierung des Handels.

Cooppa: In welcher Verantwortung stehen Industriestaaten für die Kehrtwende?

Kellerhoff: Eine der wesentlichen Forderungen kommt von Jayati Ghosh, Co-Autorin und Entwicklungsökonomin aus Indien. Zurzeit haben wir eine Finanzarchitektur, die dazu führt, dass Länder des globalen Südens nicht genug Geld haben, die Transformation anzustoßen. Das liegt an historischen Altschulden. Die Forderung ist also eine Verzichtserklärung der Industrieländer auf bestimmte Gelder. Das erweitert den Handlungsspielraum von Entwicklungsländern und gibt ihnen die Möglichkeit, kritische Infrastruktur aufzubauen. So wollen wir in armen Ländern ein materielles Wachstum ansteuern, damit jedes Land 2050 mindestens 15.000 Dollar pro Kopf und Jahr hat.

Cooppa: Was sind aktuell die größten Bremsen hinter „A Giant Leap“? Und was stimmt dich trotzdem hoffnungsvoll?

Kellerhoff: Eine Hürde ist die Ideologie. Die Herangehensweise an die Welt, dass bisschen technologische Entwicklung und Liberalismus das Problem schon lösen werden. Wir müssen aufpassen, dass der Technologie-Liberalismus der Transformation nicht im Weg steht. Eine weitere Bremse sind Lobbyinteressen. Fossile Energie wird darum weiterhin gefördert, weil diese Industrien Macht und Einfluss haben. Außerdem gibt es gewisse Pfadabhängigkeiten: Wir haben in den letzten Jahrzehnten ein System aufgebaut, das auf Expansion und Ausbeutung basiert. Das einfach umzustellen, wird schwierig, weil natürlich wird das auch negative Konsequenzen haben, zum Beispiel dass erstmal Arbeitsplätze wegfallen. Was trotzdem hoffnungsvoll macht ist einerseits die Jugend, die auf die Straße geht. Es gibt diesen Spruch: „Never let a crisis go to waste” – lasse niemals eine Krise ungenutzt. Krisen sind immer auch Chancen für neue Wege, neue Paradigmen, neue Ideen wie die Welt aussehen könnte.

Kellerhoff: Auf jeden Fall. Lösungen sehen auf lokaler Ebene immer anders aus. Global kann man internationale Finanzsysteme so umstellen, dass mehr Geld für Investitionen in nachhaltige Energien für einkommensschwache Länder fließen kann. Für die Umstellung der Ernährungs- und Energiesysteme gibt es natürlich unterschiedliche Zeitleisten. Europäische Länder und die USA müssen eher zu Netto Null CO2 als Indien und China. Es gibt aber schon globale Grundprinzipien, die für die ganze Weltgemeinschaft gelten. Beispielsweise, der rasche Ausbau regenerativer Energiesysteme, in manchen Ländern muss das mit einer finanziellen Unterstützung passieren und andere müssen das selbst stemmen. Oder dass Länder des globalen Nordens weniger Fleisch essen müssen, weil wir 80% unserer Nutzflächen für Futtermittel verwenden wobei tierische Produkte nur 18% unseres Kalorienbedarfs decken. Dafür braucht es mehr Globalismus auf politischer Ebene, globale Koordination aber auch zum Beispiel eine re-Regionalisierung des Handels.

Kellerhoff: Wir müssen vermitteln, dass eine fairere Gesellschaft auch im Interesse der reicheren Menschen in den Gesellschaften liegt. Gesellschaften werden dysfunktional, wenn die Ungleichheit groß wird. Forschungen haben gezeigt, dass Länder, in denen mehr Gleichheit herrscht, in allen Bereichen des Wohlergehens besser abschneiden. Eine progressive Besteuerung zum Beispiel ist ein Vorteil für alle. Wir sehen gerade, dass die Paradigmen des Neoliberalismus an ihre Grenzen kommen.

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