DIE WELT VERÄNDERN LERNEN

Interview mit Franz Nahrada 

(cooppa, Interview von Fritz Hinterberger, 29.05.2018)

Franz Nahrada ist 63 Jahre alt, im Unruhestand, und hat mehrere Existenzen nacheinander und parallel geführt: als Hotelier, Soziologe, Zukunftsforscher, Netzwerker, Konferenzgestalter, Coach für Benutzerprogrammierung für Apples HyperCard, hochschulpolitischer Aktivist. Seit mehr als 30 Jahren kreist sein Leben um eine große Vision, der er sich immer wieder auf neuen Wegen annähert: ein mehrheitsfähiges urbanes Leben im ländlichen Raum auf Grundlage der modernen Kommunikationstechnologien zu schaffen, das einen großen Befreiungsschlag von Wachstumszwängen und eine kooperative globale Renaissance einleitet. In Bad Radkersburg baut er dafür ein Studienhaus auf.

cooppaLieber Franz, Du warst einer der Initiatoren des Symposiums „Die Welt gestalten lernen“ an der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien, hast mitgewirkt an Konzeption und Titelfindung und betrachtest das Thema als ein Anliegen das Dich schon seit mehreren Jahrzehnten begleitet. Wie kommt das?

Franz Nahrada: Ja, was treibt mich immer wieder an die Unis? Ich bin studierter Soziologe und in gewisser Weise ein akademischer Dropout. Habs gerade noch zum Magister gebracht, aber keinen Doktor und keinen Professorentitel. Vor 44 Jahren nahm ich schon im ersten Semester Anstoß an meinem Studium und an meiner Wissenschaft, und verlor den Glauben, damit etwas Sinnvolles auf dieser Welt bewirken zu können. Ich gelangte zu dem Resultat, dass die eigentümliche Form, wie Wissenschaft in unserer Gesellschaft betrieben wird, getrennt von der Praxis, als separate Institution, sowohl gegen unsere Gesellschaft als auch gegen die Wissenschaft spricht.

Wie meinst Du das?

Unsere Gesellschaft lässt sich nicht durch vorurteilsfrei gewonnene Einsichten ihre Gesetze vorschreiben, sondern sie ist leider einem gänzlich unvernünftigen Zweck unterworfen. Dieser Zweck ist bekannt als Wirtschaftswachstum, als Vermehrung privat angeeigneten und durch staatliche Gewalt abgesicherten Reichtums, dem sich Natur- und Gesellschaftswissenschaften auf verschiedene Arten nützlich zu machen versuchen. Die Naturwissenschaften, indem sie ohne Rücksicht auf reale Naturzusammenhänge nach verwertbaren Geschäfts- und Gewaltmitteln Ausschau halten, die Geisteswissenschaft, indem sie die bestehenden Verhältnisse rechtfertigen.

Das ist ja ein sehr hartes Urteil. Wie kann man damit leben?

Das konnte ich eh nicht. Nach einer Zeit der ohnmächtigen Versuche, durch Argumente und Agitation gegen diese Verhältnisse anzurennen, die mich sehr geprägt hat, merkte ich, dass ich an mir selbst diese Trennung reproduziert hatte. Ich war Theoretiker geworden, hatte durch kritische Theorie und Marxismus viele wertvolle Einsichten gewonnen, doch alle Hoffnungen in eine revolutionäre Veränderung der Gesellschaft zerrannen. Währenddessen offenbarten die politischen, ökonomischen und kulturellen Entwiclungen mit jedem Jahr mehr, dass das Fortschrittspotential unserer Generation zuschande wurde, längst überwunden geglaubte Atavismen von Ungleichheit, Rücksichtslosigkeit und Gewalt die dominierenden Größen auf unserem Planeten wurden.

Daher begab ich mich auf die Suche nach Alternativen – oder wurde einfach mit der Nase drauf gestoßen. Und interessanterweise fand ich die, wo ich sie am wenigsten erwartet hatte. Siebenmal reiste ich für ein paar Wintermonate in die USA, eigentlich wegen persönlichen Freundschaften und meiner damaligen Arbeit mit Apple Computers revolutionärem Wissensorganisationssystem, doch ich fand in diesem seltsamen Land – das eigentlich auch ein Hort von Gegenkulturen aller Art ist – eine Fülle von Gruppierungen, die sich mit Erfolg abgekoppelt hatten, aber nicht um einfach nur auszusteigen, sondern um wirklich lebbare und visionäre Alternativen aufzubauen. Davon haben es einige sehr weit gebracht, während wir immer nur von denen hören, die scheitern.

Klingt aber nicht sehr nach Universität und Hochschule – was hat das mit der Veranstaltung zu tun, die Du an der BOKU mitinitiiert hast?

Ganz einfach: wir haben mittlerweile auch in Europa eine Fülle von Gegenkulturen, von gelebten Utopien, die von Menschen aus innerem Antrieb, selbstbeauftragt und jenseits der Ideologien ins Werk gesetzt werden. Nach dem Motto: wir können gemeinsam in einem lokalen Umfeld Alternativen schaffen. Diesen „Archipel der Rettungsboote“ nimmt die Universität leider noch viel zu wenig wahr.

Niko Paech, dessen Zeilen aus der letzten OYA unter dem eindeutigen Titel „Vergesst die Politik“ ich als Leitmotiv über die Veranstaltung gestellt habe, sagt sinngemäß: Die herrschende Systemlogik, gefangen im wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis von Staat und Kapitalwirtschaft, hat in Sachen Nachhaltigkeit eine eindeutig negative Bilanz aufzuweisen: grosso modo überwiegen die durch das poltisch – ökonomische System angerichteten Schäden an Planet und Natur bei weitem die kompensatorischen Anstrengungen.

Er sieht die Dinge aus der ökologischen Perspektive, aber wenn wir andere Perspektiven realen gesellschaftlichen Fortschritts Revue passieren lassen, zum Beispiel die Frage der Überwindung von Aggression und Krieg, oder die Frage nach der Fähigkeit kollektive Entscheidungen zu treffen, oder als eine Menschheit mit kulturellen Differenzen auf einem Planeten zu leben, oder die Frage wie jedem Menschen ein menschenwürdiges Leben ohne Armut und Zwang ermöglicht werden könne – oder eben auch, wie die Segnungen der Technik wirklich zu solchen werden könnten, so landen wir beim selben Resultat.

Die Politik hat also ausgedient?

Paech zumindest meint das: die Megasysteme Politik und Wirtschaft haben sich in ihren Sachzwängen heillos verfahren, Realer gesellschaftlicher Fortschritt entsteht zumeist dort, wo „konstruktiver Ungehorsam“ am Werk ist, wie es Naomi Klein in ihrem neuen Buch „No is not enough“ nennt. Dieser „konstruktive Ungehorsam“ bricht aus herkömmlichen Regelungen und Konventionen aus, um durch eine alternative problemlösende Praxis eine „Propaganda der Tat“ zu entfalten und auf eine nicht-konfrontative Art und Weise heilende und überzeugende Alternativen zu schaffen.

Und nun? Hat sich die Schadensbilanz dadurch verbessert?

Es ist evident, dass das am ehesten auf der Ebene lokaler Initiativen beginnen kann, in Städten, Dörfern, Nachbarschaften, wo Menschen die Bedingungen für gemeinsame Initiativen vorfinden. Deswegen ist auch die Erfolgsgeschichte der Transition-Bewegung verständlich, die diese lokale gemeinsame Ebene zum strategischen Fokus gemacht hat. Es ist nicht unerheblich zu erwähnen dass die Bedingungen für lokales, dezentrales Handeln und Gestalten sich enorm verbessert haben, Eine Fülle von Entwicklungen „unterhalb des Radars“ ist hier zu erwähnen, vom weltweiten Austausch von Wissen und Information über die dezentralisierenden miniaturisierenden Tendenzen in der Technologie, zum Beispiel dezentrale Automation und dezentrale Energiegewinnung, bis hin zu unserem vertieften und gewachsenen Verständnis von lebendigen Systemen, wie es sich in der Permakultur oder auch der Mustertheorie von Christopher Alexander ausdrückt.

Um diese Potentiale für Autarkes, Konstruktives, Kreatives, auf eine kooperative Win-Win-Ökonomie anstelle des Nullsummenspiels der Konkurrenz gerichtete Gestaltung und Neuerfindung unserer materiellen und sozialen Verhältnisse real werden zu lassen, dürfen die Akteure vor Ort aber nicht allein gelassen werden. Frithjof Bergmann hat darauf hingewiesen, dass es eine Lebensfrage für einen funktionierenden Selbstversorgungssektor sein wird, ob Ressourcen und Wissen aus dem industriellen Sektor transferiert und modifiziert werden können. Keine erfolgreiche Systemänderung in der Geschichte hat es gegeben, ohne dass sich die Kräfte des Neuen mit Teilen der alten Institutionen verbunden haben, weil der wechselseitige Nutzen klar und evident war.

Welche Schlüsse ziehst Du daraus? 

Wir müssen also eine Brücke bauen zwischen den noch diffusen und diversen Wandelbewegung, die mittlerweile auch auf höheren, nationalen und supranationalen Ebenen den Anspruch erhebt die dysfunktional gewordenen Bereiche der Politik und Ökonomie durch eine Aktivierung souveräner Demokratie und eines erneuerten Gemeinwohlverständnisses zu verändern, und den Minderheitstendenzen in den herkömmlichen Institutionen, in Staat und Wirtschaft, die im Sinn eines wie immer gearteten Gemeinwohlauftrages zu agieren versuchen. Erst im Zusammenwirken dieser Elemente können wir wirklich auf eine nennenswerte, die gesamte Gesellschaft umfassende positive Bilanzgröße kommen.

Dabei geht es aben auch um die nach wie vor zentralen Wissensinstitution, der Universität – bzw. die für den Wandel sensiblen Menschen in ihr. Es ist nicht zu übersehen, dass nach wie vor neben der Mainstream-Wissenschaft Keimzellen eines anderen Wissenschaftsverständnisses existieren. Dies spielt sich bis hinunter in die zentralen Denkformen, Methoden und Paradigmata des Denkens ab. Wo die einen dem ideal von sachzwanghaftiger Naturgesetzlichkeit huldigen, wie es als nomothetischer Gesetzesbegriff „wenn p dann q“ bis in die Elementarformen wissenschaftlicher Hypothesenbildungen unheimliche Wucht erlangt hat, wissen die anderen dass unser gesellschaftliches Handeln immer mit Alternativen zu tun hat, und dass die Aufgabe der Wissenschaft darin besteht, in jedem Moment dem praktischen Handeln diese Alternativen und Gestaltungsmöglichkeiten klar, verständlich und erschöpfend darzulegen. „Wenn Du p willst, dann kannst du q oder r wählen, musst aber dann auch s und t berücksichtigen“ – das wäre die Elementarform eines zukünftigen Denkens.

Sie drückt sich in verschiedenen Formen aus. Auf der theoretischen Seite durch die schon erwähnten „Pattern Languages“- die auch Nichtfachleute systematisch mit Gestaltungsmöglichkeiten Vertraut machen. Auf der anderen, praktischen Seite zum Beispiel dadurch, dass die Professoren und Studenten schon früh aus der reinen Beobachterrolle in die eines Mitgestalters gebracht werden. Ich lernte das vor fast 30 Jahren in einem Gespräch mit dem Computerpionier und Vater des modernen Mensch-Maschine Interfaces Douglas Engelbart als „Boostrap Community“ kennen.

Mittlerweile kann man das ja auch schon auf Wikipedia nachlesen…

Genau! (zückt sein Mobiltelefon) „Reallabore (engl.: Living Lab) sind eine neue Form der Kooperation zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft, bei der das gegenseitige Lernen in einem experimentellen Umfeld im Vordergrund steht.. Der Begriff des Labors wird hier über seine klassische natur- und ingenieurwissenschaftliche Bedeutung hinaus erweitert auf einen sozialen Kontext. Mangels Kontrollgruppe ist die Validität des gewonnenen Wissens nur schwer zu beurteilen. Dennoch wurde der Ansatz in den letzten 20 Jahren erheblich weiterentwickelt,denn Lösungen für wichtige Zukunftsfragen kann die Wissenschaft heute nur noch zusammen mit der Gesellschaft erarbeiten.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Reallabor)

Ich selbst lernte in den USA auch „Realabore“ mit Kontrollgruppen kennen. Etwa die „Information based Therapy“-Stationen der Planetree-NGO, die in der Zeit als ich dort recherchierte (1993) an mehreren Kliniken der Westküste spektakuläre und messbare Erfolge bei manchen Zielgruppen erzielten. Aber wichtiger als dieser  Vergleichs und Mess-Standpunkt ist eben die Tatsache, dass die Wissenschaft  selber mit der Praxis verschmilzt. Wobei die Initiative für ein Reallabor eben durchaus von beiden Seiten kommen kann.

Wie kann das gelingen? Wer müsste das initiieren?

Indem die Wissenschaft sensibel wird für die Wandelgesellschaft. Indem sie sich bereit macht, mit aller ihrer Kompetenz teilzunehmen an Reallaboren, ihre Stärken und Schwächen offenzulegen, indem sie Studenten einen quasi dualen Ausbildungsweg eröffnet. Indem sie nicht einen alleinigen Führungsanspruch stellt, sondern eine kooperative Leitung mit dem Primat der Praxis akzeptiert.

Von wem die Initiative für einen neuen, das Weltverändern unterstützenden Denkstil ausgeht, ob von den Professoren oder Studenten, ist letztlich egal. Universität heißt Einheit, heißt Zusammenarbeit der Lehrenden und Lernenden, hieße aber auch, die Mauer zwischen Gebildeten und Ungebildeten zum Verschwinden zu bringen. Wie gesagt: eine weitere meiner wichtigsten Lektionen habe ich auf diesem Weg ausgerechnet in den USA gelernt, genauer gesagt in Palo Alto, unterhalb der Stanford Universität. Der schon erwähnte Douglas Engelbart, schickte mich nach unserem ersten Gespräch in das „Institute for the Reseach on Learning“, damit ich begreife, wie seine Vorschläge zur „Verbesserung des menschlichen Intellekts durch den maschinengestützen general intellect“ praktisch umzusetzen seien.

Was ich da sah, hat mir zunächst die Sprache verschlagen: ich sah ein Labor, in dem sich alle, die etwas mit zukünftigen Lernen zu tun haben, miteinander ein permanentes Gespräch führten, probierten, verwarfen. Die Wissenschafter waren die Moderatoren des Prozesses, aber die Gestaltungsvorschläge kamen oft genug von den Praktikern – nicht nur von den Ingenieuren, sondern auch von Lehrern, Eltern und Kindern. Engelbart, der diesen Labor-Prozess inspiriert hatte, wollte mir dadurch demonstrieren, dass eine „bootstrap community“, eine Gemeinschaft von Theoretikern und Praktikern zum Finden und Testen neuer Gestaltungsmöglichkeiten, gar nicht mit Sicherheit voraussagen konnte, von wo der entscheidende Impuls, die entscheidende Lösung kommen würde. Mit größter Wahrscheinlichkeit sogar von einem Kind. Aber erst im sozialen Prozess, in dem sich die verschiedenen Perspektiven konstruktiv spiegeln, in dem die Wissenschafter die Grenzen des Denk- und Handlungsmöglichen erweitern, ihr Wissen in die Form von Problemlösungsmustern bringen, an deren Verfeinerung und Diversifikation gemeinsam gearbeitet wird, können die Praktiker optimal kreativ werden. Und umgekehrt ist die wissenschaftliche Spekulation in jedem Moment rückgebunden an die wirklichen und praktischen Bedingungen des Handelns.

Lasst uns uns solche Bootstrap Communities, solche „uns an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen“- Gemeinschaften, in allen wichtigen gesellschaftlichen Problemfeldern ins Leben rufen, in realen Laboren und selbstbestimmten Zukunftswerkstätten.

Ein unfassbares Geschenk sind dabei die Sustainable Development Goals, die anspruchsvoller sind als das derzeitige Gesellschaftssystem sie je einlösen könnte, und doch ein legitimer Rahmen, den wir mit Leben füllen sollten. Vielleicht sollten wir auch lernen, sie positiv zu formulieren, als wirkliche Ziele mit angebbaren Merkmalen. Denn dann – wenn das Ziel klar ist – wird es uns noch leichter fallen, Theorie und Praxis zu vereinen.

Vielen Dank für das Gespräch!

2 Gedanken zu „DIE WELT VERÄNDERN LERNEN

  • 29. Mai 2018 um 20:51
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    Aktueller Zusatz: Nach dem erfolgreichen Auftaktworkshop „Die Welt Verändern Lernen“ an der BOKU Wien gibt es jetzt einen ebensolchen an der Uni Graz.

    = Die Welt verändern lernen =
    > Wie durch die Zusammenarbeit von Hochschulen mit der Wandelgesellschaft die UN-Nachhaltigkeitsziele erreicht werden können

    Donnerstag, 07.Juni 2018, 09 – 12Uhr, Schubertnest, Vorklinik (Universitätsplatz 6)
    im Zuge des Uni Graz Nachhaltigkeitstag: „Zukunft heute – Deine Agenda 2030“!

    https://schubertnest.at/
    https://www.facebook.com/events/321248571739898/

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  • 30. Mai 2018 um 18:15
    Permalink

    Wow, da ist sicher auch einiges an wertvollem Gedankengut drin – für mein Interview, um das mich eine junge Journalistin/Philosophin, die sich für die „Initiative Zivilgesellschaft“ ineressiert, gebeten hat!

    Antwort

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