Der „Club of Rome“ im 21. Jahrhundert

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(cooppa, 02.02.2019, Heiner Benking) Der Club of Rome feierte 2018 sein 50-jähriges Bestehen mit einer Jubiläumskonferenz in der Stadt seiner Gründung und wählte mit Sandrine Dixson-Declève und Mamphela Ramphele eine neue Generation an seine Spitze. Wie das Wahlergebnis zeigt, befindet sich nicht nur die Welt, sondern auch der „Club“ im Wandel. Bisher waren Frauen nicht besonders sichtbar in diesem Prozess. Der Club of Rome setzt mit seiner Entscheidung, zwei Frauen an die Spitze zu setzen, ein Statement, so Mamphela Ramphele. Die zwei neuen Vorsitzenden sind Frauen aus zwei Generationen sowie Ländern. Zwei Frauen, die es schaffen können ein neues Zukunftsmodell zu erarbeiten. Ihre Portraits finden Sie hier.

Wir haben die beiden am Rande der Konferenz im Istituto Patristico Augustinianum, einem lichtdurchfluteten 70er-Jahre-Bau gleich neben dem Petersplatz, interviewt. Nachdem sich eigentlich geplante längere und seperate Interviews zeitlich als nicht möglich herausstellten, konnten wir die designierten Ko-Präsidentinnen zumindest kurzfristig für ein paar kurze Statements gewinnen. Das Ergebnis (in engl. Sprache) finden Sie hier:

 

Sandrine Dixson-Declève berichtet, dass es aktuell noch kein ausgearbeitetes Programm der beiden gebe, da sie nicht damit gerecht hatten, gemeinsam Co-Präsidentinnen zu werden. Sie wurden gefragt, ob sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen könnten und stimmten dieser bereitwillig zu. Das ist ein Zeichen, mit dem gezeigt werden soll, wo der Club of Rome hinmöchte. An den unglaublichen Geschichten des Club of Rome über einen Systemwandel, der jetzt mehr denn je gebraucht wird, möchten sie anknüpfen und einen Weg finden, was genau das in der Praxis des 21. Jahrhunderts bedeutet. „Jetzt, wo wir mit den absoluten Limits des Wachstums sowie mit den Problemen der Überpopulation, dem Klimawandel und seinen aktuell schon eintretenden Folgen und Krisen umgehen müssen. Wir müssen jetzt auf die Komplexitäten der Aufgaben, die wir zu bewältigen haben, aufmerksam machen“, erläutert Dixson-Declève. Das neue Vorstandsteam arbeitet mit den Werten des Club of Rome, um die Mitgliedszahlen weiter auszubauen und die Mitglieder zu ermächtigen, noch enger zusammenzuarbeiten, um gemeinsam eine Veränderung zu schaffen.

Verantwortung für Natur und Menschen

Mamphela Ramphele spricht davon, „dass wir alle zusammen die Verantwortung haben, unserer Mutter Erde zu helfen, sich selbst zu regenerieren. Denn es liegt nicht nur an der Überbevölkerung sondern vor allem an unseren Konsummustern. Wir wurden zu einer grenzenlosen Gesellschaft, deshalb müssen wir wieder lernen nach den planetaren Grenzen sowie unseren Interdependenzen zu leben. Wenn wir es als Gesellschaft schaffen, wieder nach den Regeln der Natur zu leben, wird es der Welt möglich sein, sich wieder zu regenerieren. Mit diesem gemeinsamen Ziel können wir es schaffen, unseren nächsten Generationen ein schönes Leben zu ermöglichen“, sagt Ramphele.

„Wir alle sind verantwortlich“, davon ist auch Sandrine Dixson-Decleve überzeugt. In einer Welt, in der nach den Regeln des Krieges gelebt wird, es mehr fake News als glaubwürdige gibt, einer viel zu starken Individualisierung in einer Zeit in der wir gemeinsam handeln sollten, sei es die Aufgabe des Club of Rome, die Grenzen des Wachstum wieder verständlich zu machen. Und klar zu stellen, dass die Bevölkerung aus dem globalen Norden eine Verantwortung gegenüber allen Menschen, im Norden wie Süden, hat. Denn es gibt überall auf der Welt hilfsbedürftige Menschen, und wir sind für alle verantwortlich. Gegenüber denen die in unserem Heimatland leben, sowie denen die zu Klimaflüchtlingen werden.

Wolfgang Sachs (re.) mit Heiner Benking

Im Nachklang zum 50. Jubiläum haben wir außerdem auch mit Wolfgang Sachs gesprochen, einem der bedeutendsten Denker unserer Tage zum Zusammenhang von Umwelt und Entwicklung.

Heiner Benking: Herr Professor Wolfgang Sachs, wir kommen gerade von einem Symposium anläßlich der Gründung des Club of Rome. Einer turbulenten, überraschenden Mitgliederversammlung. Sie sind nach langjähriger Mitgliedschaft zurückgetreten, haben quasi Platz für neue, junge Mitglieder gemacht, da ja der Club of Rome in seinen Statuten nur einen „harten Kern“ von 100 Internationalen Mitgliedern benennt.

Was sind ihre ersten Eindrücke, die neuen Co-Präsidentinnen Sandrine Dixson-Declève and Mamphela Ramphele sprachen von von einem rigorosen, demokratischen, intensiven Prozess. Wie sehen Sie es wenn hochverdiente langjährige Präsidenten nicht wiedergewählt werden? Braucht so ein Club nicht auch Langfristigkeit und Planbarkeit?

Wolfgang Sachs: Der Club braucht frisches Blut. Es ist ein positives Zeichen, dass die neuen Präsidentinnen beide in der Lebensmitte stehen und aus dem Norden wie auch dem Süden der Welt stammen. Die Langfristigkeit muss nicht darunter leiden, im Gegenteil, wenn der Club nicht gewinnt an Mannigfaltigkeit im Alter, in der Kultur und in der Perspektive,besteht die Gefahr, dass aus der Langfristigkeit Langeweile wird.

HeBe: Doch kommen wir besser nun zu Sachfragen zurück: Wenn der durch Klimawandel und mehr getriebene Transformationsprozess sich beschleunigt und zu Verwerfungen führt, wie behalten wir den kühlen Kopf? Wer behält ihn? Und was machen wir mit denen die nicht mitmachen wollen?

WoSa: Seit geraumer Zeit hat sich der Club of Rome bemüht, sein Image los zu werden, nur eine Organisation zu sein, an die naturwissenschaftliche Berichte gerichtet werden. Change the system, not the climate, der Slogan der zivilgesellschaftlichen Opposition gegenüber Klimakonferenzen, stünde auch dem Club of Rome gut an. Wie Politik und Kultur weltweit aus den Zwängen der kapitalistischen Ökonomie befreit werden können, ist die Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Was das Klimachaos angeht, ist Dekarbonisierung, der Wechsel auf erneuerbare Energiequellen, nur eine Seite der Medaille. Die andere heißt Renaturalisierung, eine Schubumkehr der gesellschaftlichen Entwicklung, die die terrestrischen und marinen Ökosysteme florieren und sich ausbreiten lässt.

HeBe: Und das schließt gleich an diese Frage an: Wie können wir die digitalen Prozesse nutzen, die Avantgarde (im Sinne der vorausgehenden Mutigen) bei ihrer Erkundungsarbeit zu unterstützen?

WoSa: Es ist eine alte Geschichte: der technische Fortschritt gibt Antworten auf die Fragen, die wir nie gestellt haben. So auch hier. Die Digitalisierung hat uns keine Antworten auf die Probleme wie Dekarbonisierung und Renaturalisierung gegeben. Sie ist zwiespältig, mit neuen Möglichkeiten und mit neuen Gefahren. Zum Beispiel hat der Strombedarf des Internets im Jahr 2015 dem Strombedarf ganz Großbritanniens entsprochen, und alles, was damit zusammenhängt – einschließlich Klimawandel. Die digitale Technik als ressourcenleicht zu bezeichnen, ist grob fahrlässig. Wieder gibt es eine Linie zu ziehen zwischen der imperialen und der konvivialen Technik.

HeBe: Wie erarbeiten wir uns eine neue „Utopie“, wer könnte dabei mitmachen? Es kann nur eine global wirksame sein, eine, die die Trumps und Co. lächerlich klein aussehen lässt.  Oder anders gefragt: Besteht nicht die Gefahr, dass wir immer neue Utopien entwickeln, die aber die Bodenhaftung verlieren? Wir sprachen vorhin von A-Perspektive und A-Rationalität – was auf Besthehendem und nicht immer nur neuen technologische Hypes, Lösungen und Hoffnungen aufbaut. Dies könnten also U-Topien als Visionen zu Teilaspekten sein, die Menschen, die Natur, die Humanität, Technologien und Natürliche Prozesse nicht ganzheitlich und angemessen einbeziehen und berücksichtigen?

WoSa: Mir scheint, dass im Angesicht von Digitalisierung die alte Technikkritik à la Lewis Mumford, Jacques Ellul und Ivan Illich nicht veraltet ist, sondern umgeschrieben werden sollte. Es geht darum, den klugen, demokratischen und nachhaltigen Einsatz der digitalen Technik zu befördern und alles andere zu unterbinden. Es wäre gut möglich, die dezentrale Energiewende, die auto-zentrierte Verkehrswende, die distributed economy, die Kooperation und die commons, mit digitaler Technik viel leichter hinzukriegen, aber – um mit Brecht zu sprechen – die Verhältnisse, die sind so.

HeBe: Ich bedanke mich für das Gespräch und hoffe auf weitergehenden Austausch und gemeinsame Ziele und friedliche Zukünfte.

 

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