Wieviele Wenden brauchen wir?

Uwe Schneidewind stellte sein Buch „Die Große Transformation“ mit Umweltministerin Schulze vor

(cooppa, Manfred Ronzheimer, 28.08.2018) Für die erste Präsentation seines neuen Buches hatte sich Uwe Schneidewind einen besonderen Ort und ebensolchen Gesprächspartner ausgesucht: Am vergangenen Samstag diskutierte der Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie mit der deutschen Bundesumweltministerin Swenja Schulze im Lichthof ihres Ministeriums in Berlin über die Thesen seines Buches „Die Große Transformation“. Vieldeutiger Titel des Talks im Rahmen des Tags der offenen Tür der Bundesregierung: „Welche Wende brauchen wir und wenn ja, wieviele?“ Die Antwort im Buch: sieben.

In einem Einführungsfilm fasste Schneidewind die zentralen Aussagen des „Kursbuchs für den Übergang“ zusammen. Neu sei die Sichtweise, Nachhaltigkeit neben ihrer ökologischen und wirtschaftlichen Dimension auch als „kulturelle Revolution“ zu begreifen und zu vermitteln. Dafür benutzte er den Begriff „Zukunftskunst“. Ein gewaltiger Zivilisationswandel stehe bevor. Die Gesellschaft und eine Politik für die Zukunft müsse sieben Arenen der Wende gestalten: Energie, Konsum, Ressourcen, Mobilität, Ernährung, Urbanität und Industrie. Die Große Transformation gehe aber auch vom Einzelnen aus, zunächst von Pionieren des Wandels. „Werden Sie Zukunftskünstler!“, forderte Schneidewind auf. Nötig dafür seien Wissen, Fähigkeit, Haltung.

Die Menschen beim Wandel mitnehmen

Umweltministerin Schulze hob in ihrer ersten Bemerkung hervor, dass ihr der optimistische Tenor des Buches gefalle: Wir kriegen das hin, die Große Transformation ist möglich. Sie kann auch Spaß machen. „Das ist das Interessante dieses Ansatzes“, befand die Politikerin. Dann strich sie die Chancen heraus, die sich für ihren Tätigkeitsbereich böten, indem sie auf die Erfolge der Umwelttechnik in und aus Deutschland hinwies. Das könne jetzt für den Bereich des Klimaschutzes wiederholt werden, wenn der nachsorgende Umweltschutz zur Kreislaufwirtschaft weiterentwickelt wird.

Schließlich führte Schulze die Dimension und teilweise Langwierigkeit der Veränderungen mit Vergleichen aus der Vergangenheit vor Augen. Bei der Einführung des Autos seien die ersten Nutzer verlacht worden, bei der Einführung der Eisenbahn warnten Wissenschaftler, das schnelle Transporttempo sei schädlich für den menschlichen Organismus. Auch das heute weltumspannende Internet habe in seinen ersten Jahren nur einen kleinen Kreis von Eingeweihten interessiert. Fazit der Ministerin: „Diese großen Veränderungen laufen nicht so simpel durch“. Wichtig für die Politik sei es, die „sozialen Dimensionen“ des von der Technik ausgelösten Wandels zu verstehen, um „die Menschen mitzunehmen“.

Neues Menschheits-Bewusstsein

Schneidewind hob die Unterschiedlichkeit der Akteursgruppen hervor, die bei den einzelnen Wenden verschieden aktiv sein könnte. Bei der Energiewende sei der entscheidende Schub in Deutschland durch die politische Rahmensetzung des EEG gekommen. Die Verkehrswende werde jetzt durch die Technologie getrieben, mit dem Elektroantrieb wie mit der KI-Steuerung. Bei der Ernährungswende gehe es vorrangig um den Wandel von Konsumgewohnheiten der Verbraucher, etwa beim Fleischverzehr. Die neue Dimension sah Schneidewind darin, dass die Menschheit zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit wirtschaftlicher Globalisierung und kommunikationstechnischer Vernetzung auch eine Ebene von „globalem Bewusstsein“ erreicht habe. Dies eröffne die Chance für eine Durchbruch zu einer neuen „humanistischen Vision“.

Die Diskussion zwischen dem Wissenschaftler und der Politikerin pendelte wiederholt zwischen Grundsätzlichem und aktueller Tagespolitik. Schulze griff den Konflikt um die Braunkohle auf. Es könne aber nicht nur um Abschaltung der Kraftwerke gehen, sondern es müssten auch neue Visionen und Beschäftigungsmöglichkeiten für die 20.000 Kumpel und die Kohleregionen entwickelt werden. „Die wissen ja, dass es mit der Kohle zu Ende geht“. Genau hier habe „Zukunftskunst“ ihren Platz, griff Schneidewind das Beispiel auf. Es gehe um die Entwicklung effektiver Instrumente für den Strukturwandel – letztlich könne die Kohlekommission auch eine verändernde Wirkung auslösen wie seinerzeit das EEG. Verlangt sei aber auch, nahm Schulze indirekt zur jüngsten Verhärtung der Kommissiondebatte Stellung, eine Kompromissbereitschaft der Beteiligten. „Wir müssen immer zu gangbaren Schritten kommen“.

Klima-Transformation einer Familie

Eine sehr konkrete Sicht auf die Transformation bot dann im erweiterten Gespräch die Politikjournalistin Petra Pinzler mit ihrer Tochter. Sie berichtete, wie sie in ihrer vierköpfigen Berliner Mittelstandsfamilie versuchten, den Konsum und tägliche Verhaltensweisen auf „nachhaltig“ umzustellen und damit ihren CO2-Fußabdruck fürs Klima zu verringern. Was einem Wurstbrot weniger begann, endete schließlich in der Abschaffung des Autos. „Wir haben nicht nur unsere CO2-Bilanz um ein Drittel gesenkt“, berichtete Pinzler. „Wir sind auch politischer geworden“.

Das war auch der Debatte anzumerken. Denn als Tochter Franziska der Ministerin vorhielt, dass die Regierung ihre klimapolitischen Hausaufgaben nicht gemacht habe und dafür die Klimaziele 2020 nun verschiebe, da bekam die Schülerin den Applaus zur Zuhörer, als sie sagte: „Wenn ich mit meinen Aufgaben für Mittwoch noch nicht fertig bin, dann muss ich am Dienstagabend noch hinsetzen, um das zu erledigen, aber ich kann sie nicht verschieben.“ Die Politikerin erklärte ihr Dilemma: Man habe diese Klimaziele nicht durchsetzen können, weil man dafür keine politischen Mehrheiten hatte. „Wir müssen stärker dafür werben“. Vom Bundeswirtschaftsministerium werde in dieser Hinsicht viel verzögert. Schulzes Wende-Wunsch: „Wir müssen für diese Themen gesellschaftliche Mehrheiten organisieren“.

Ob die junge Generation dabei sein wird, konnte in der BMU-Debatte für einen Moment bezweifelt werden, als nämlich die Klimabildung in den deutschen Schulen angesprochen wurde. Die finde dort im Unterricht so gut wie garnicht statt, berichtete die Schülerin aus erster Hand. Ihre Erfahrungen hat die Pinzler-Familie ebenfalls in einem Buch verarbeitet („Vier fürs Klima“). Insofern kamen die rund 150 Zuhörer im geöffneten Umweltministerium in den Genuss einer doppelten Buch-Vorstellung: einer kleinen, familiären und einer großen, gesellschaftlichen Transformation. Beides gehört zusammen.

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Bildquelle: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (Copyright:BMU/Espen Eichhöfer)

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