Film For Future – BUT BEAUTIFUL von Erwin Wagenhofer: Nichts existiert unabhängig

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(cooppa, 25.11.2019, Aurelia Jurtschitsch) Der Titel des Films mit dem vielleicht erstaunlichen BUT vor BEAUTIFUL ist einem Schlager aus den späten 1940er Jahren entlehnt, der von Frank Sinatra bis Barbara Streisand u.v.a. interpretiert wurde, und der Untertitel ist eine Lebensweisheit, die uns der Dalai Lama im Film schenkt. Es geht also über Schönheit und Verbundenheit als Lebensstil. Nach den kritischen Analysen in We Feed The World und Let’s Make Money wollte Wagenhofer nun eine geglückte Synthese bieten für ein schönes und gutes Leben. Das schwierigere Unterfangen, wie der Regisseur im Interview meint, aber er liest auch die Zeichen der Zeit: „Wenn es eine Neuorientierung und einen Wandel in der Gesellschaft geben wird, wie es sich jetzt schon andeutet, wird dieser Prozess wahrscheinlich über die jungen Menschen laufen. Wir als verantwortliche Generation haben die Pflicht, die Jüngeren in jedweder Weise zu unterstützen – das war die Idee zu dem Film.“ Quasi „Film for Future“.

Das filmische Puzzle setzt sich aus sieben Haupterzählungen zusammen, wobei sich ein Kunstgriff anbot, nämlich das Lebensgefühl und die Arbeit von drei MusikerInnen ins Bild zu bringen, aber deren Klangwelten in die weiteren Episoden überzuleiten. So nimmt uns der US-amerikanische Pianist und Komponist Kenny Werner in seine wunderbar fließenden Improvisationen mit. Mit dabei ist auch die leidenschaftliche Sängerin Lucia Pulido, und der junge österreichische Jazztrompeter Mario Rom hatte mit seinem Trio Mario Rom’s Interzone. Wohl stellvertretend für das grundsätzliche Potenzial, in einen beglückenden, „schönen“ Flow zu kommen, fokussiert der Film exemplarisch auf (Jazz-)Musik. Ob das auch der Soundtrack der Jugendlichen ist, die offenbar speziell adressiert werden sollen?

Von einem ganz anderen, geerdeten Leben berichten Barbara und Erich Graf, die sich entschlossen hatten, auf La Palma in den Kanaren 40.000 m2 verödetes Land wieder zu regenerieren. Die Herausforderung schien vorerst eine Überforderung, aber nach der Logik der Permakultur gelang das Autarkie-Projekt vorbildlich. Im Umgang unmittelbar mit der Natur ist vielleicht das Filmthema besonders gut eingelöst, denn in einem Ökosystem ist alles miteinander verbunden – Boden, Wasser, Pflanzen, Tiere, Mensch, Luft – und es antwortet auf jeden Eingriff im eigenen Rhythmus.

Die Erfahrung eines hindernisreichen Weges zum erfüllenden Beruf als Forstmann und erfolgreichen, höchst innovativen Holzverarbeiter musste auch Erwin Thoma aus Goldegg machen. Als Pionier des mondphasengeschlägerten Holzes seit den 1990er Jahren gebührt ihm diese Vorstellung im Film. Ein kurzer Einblick in die moderne Fertigungsanlage läßt akkumuliertes Know-How der letzten Jahrzente erahnen, dass in über 30 Ländern über 1000 Häuser aus Mondholz ohne belastende Dämmstoffe, Verleimungen, Schutzmittel und Metalle, dafür aber mit optimalem Raumklima bis hin zu Energieautarkie gebaut wurden, steht im Beipackzettel. Bei aller konstruktiver Verbundenheit mit seinem Werkstoff Wald/Baum/Holz – Thoma scheint eine animierende Work-Life-Balance gefunden zu haben, wenn er mit seinem Pferd auferksam, aber entspannt durch den Wald reitet oder in der Schaukel die Leichtigkeit des Lebens genießt (siehe Beitragsbild!).

Wagenhofers Spurensuche führte ihn auch nach Indien. Fast wundert es einen, dass dieses Projekt hierzulande nicht bekannter ist: das Barefoot College des Sanjit „Bunker” Roy. Nach seiner, wie er es selbst bezeichnet „privilegierten Ausbildung in namhaften Colleges“, in der er gelernt hat, was nicht glücklich macht, verfolgte er nicht die übliche Karriere im westlichen Ausland. Vielmehr widmete er sich seit 1972 der Ausbildung ärmerer Bevölkerungsschichten in den Dörfern. Sein Credo lautet: „Wenn man Grundlegendes verändern will, muss man die Frauen dafür gewinnen!“ Inzwischen hat er über 2200 „Solar-Mamas“ ausgebildet, die tausende Familien mit Solarkochern versorgten. Kamla Devi spricht für all jene, die es wie sie geschafft haben, als ursprüngliche Analphabetin und schon als Kleinkind verheiratet worden nun ein selbstbewusstes und für die Gemeinschaft produktives Leben zu führen. Für Bunker Roy ist praktische, nützliche Handarbeit wichtiger als ein Stück Papier an der Wand, das sich Diplom nennt.

Schöner, schelmischer Witz des Dalai Lama wird von der Mind-&-Life-Konferenz in Dhraramsala übermittelt, seine Schwester Jetsun Pema besticht mit ihrer ruhigen, fröhlichen Art und etwa dem schlichten Hinweis, dass man Glück und Vertrauen nicht im Supermarkt kaufen kann. Sie leitete 12 Kinderdörfer. Sie weiß, wovon sie spricht. – Somit bietet der Film eine sehr spezielle Auswahl an Lebens-Beispielen für ein subtileres Verständnis von Schönheit. Davon werden wir noch viele brauchen, gelebte Alternativen hin zum Schönen und Guten.

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Alle Fotos: Filmstills aus BUT BEAUTIFUL (Hier zu finden.)

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