Wellbeing als Grundlage für eine neue Politik

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Als 2006 unter österreichischer EU-Präsidentschaft die Überarbeitung der ersten europäischen Nachhaltigkeitsstrategie verabschiedet wurde, gab es einen gewissen Konsens, Worte wie „Wachstum“ oder „Wettbewerbsfähigkeit“ zu vermeiden und so ein Gegengewicht zur sogenannten Lissabon-Strategie zu schaffen, die Europa zur wettbewerbsfähigsten Region der Welt machen sollte, was bekanntermaßen nicht gelang – aber sicher nicht der Nachhaltigkeitsstrategie anzulasten ist. Diese verwendete das Wort „Wellbeing“ gewissermaßen als Leit- und Gegenbegriff zum einseitigen Wirtschaftswachstum.

Vierzehn Jahre später wurde dieser Begriff nun zum Leitbegriff des ersten vom globalen „Wellbeing Project“ organisierten Wellbeing-Summit, der Anfang Juni 2022 in Bilbao stattfand. In einer „Fireside Conversation“ genannten Vormittagsdiskussion  am letzten Tag der Konferenz mit dem Titel „How to introduce wellbeing into public policy“ war dieses Thema wieder präsent – allerdings ohne sich an diese frühere Eposide europäischer Nachhaltigkeitspolitik zu erinnern. Für cooppa und für das Austrian Chapter des Club of Rome war Fritz Hinterberger in Bilbao.

Drei (ehemalige) Minister*innen aus Argentinien, Frankreich und Jordanien sowie der junge Gründer einer neuen „political school“ mit dem schönen Namen „Fratelli tutti“ diskutierten darüber, was eine Wellbeing-orientierte Politik sein könnte. Fratelli tutti möchte nichts weniger als Politik zu „reimaginieren“.

Was bedeutet für Sie “Wellbeing” fragte gleich zu Beginn Zainab Salbi, Gründerin der “Women for Women” und „Daughters for Earth“, die das Panel moderierte. „Die Harmonie rationaler, spiritueller, emotionaler und ethischer Entwicklung“ definierte Haifa Najjar, Kulturministerin in Jordanien, den Begriff und Najat Vallaud Belkacem, französische Frauen- und Bildungsministerin unter Francois Holland, ergänzte: „Wellbeing ist ein breiter Begriff mit vielen Facetten: er umfasst die materiellen Bedingungen ebenso wie physische Sicherheit.“ Dazu komme aber als subjektive Facette, die Möglichkeit, sich selbst in eine positive Zukunft zu projizieren. Beide betonten dabei ebenso wie Mario Quintana, ehemaliger Vizekabinettschef der Regierung von Mauricio Macri in Argentinien, das eigene politische Scheitern und die Schwierigkeit, damit umzugehen.

„Wie aber kann Wellbeing nun zu einem Leitbegriff für die Politik werden?“ fragte Salbi weiter. „Offenheit für die eigene Transformation durch das, was passiert“ postulierte Juan Maquieyra “,  Executive director der Fratelli Tutti Political School, und die Veränderung nicht als Gefahr sondern als Auftrag zu verstehen, den es leidenschaftlich anzunehmen gelte. „Life has more immagination than you“ erinnerte sich Najat Vallaud Belkacem an einen Leitspruch ihrer Mutter: „even if you fail: new doors open“.

Genau diese „Fähigkeit, sich selbst in eine positive Zukunft zu „projizieren“ beherrschte dann den zweiten Teil der Diskussion. Das Überdenken des Gegenwärtigen und die Formulierung neuer Geschichten („stories“) gehören zusammen. Neue Narrative brauchen aber auch eine neue Sprache: „eine Sprache des Geistes, der Herzen und der Hände, also der Umsetzung“ meinte Juan Maquieyra durchaus in einer „katholischen Tradition des Gemeinwohls“ und Mario Quintana ergänzte: „Menschen brauchen Geschichten“.

Die gegenwärtige „Geschichte“ des liberalen Kapitalismus sei völlig inakzeptabel und un-nachhaltig, das dahinter liegende anthropologische Modell „falsch“, meinte Quintana. Es werde aber auch von immer weniger Menschen akzeptiert.

Vor 80 Jahren, so Quintana, gab es noch drei miteinander im Wettbewerb stehende „Erzählungen“: den faschistischen Nationalismus, den sozialistischen Kommunismus und den liberalen Kapitalismus. Seither habe eine nach der anderen ihre Überzeugungskraft verloren – zuletzt auch der Kapitalismus. Die Menschen suchen aber nach solchen Geschichten und greifen mangels neuer auf die Versatzstücke früherer Erzählungen zurück, wie heute von rechten wie linken Populist*innen vorgebracht werden.

Genau das habe Zainab Salbi auch bei der Machtübernahme des sogenannten Islamischen Staats (IS) im Irak sehen können, aus dem sie selbst stammt. Jede Gruppe, die davor nacheinander an der Macht war, hätte der Bevölkerung „Geld und Macht“ versprochen. „Jetzt schießen unsere Söhne auf uns“ zitierte sie eine Bewohnerin nach der Befreiung vom IS. Um das zu überwinden, brauche es ein neues Werte-System. Gerade junge Menschen suchen nach einer solchen Konsistenz der verschiedenen Ebenen.

Künstler*innen können dabei helfen, solche neuen „Erzählungen“ zu finden, meint Vallaud, wenn es darum geht, das un-denkbare zu denken. Hoffnung und Mut, spiele dabei eine wichtige Rolle, ergänzte Najjar.  Und Zainab Salbi ergänzte, dass dies gemeinsam mit den Menschen passieren müsse: „this is the era of the people“, aber auch: „we need to push the agenda forward“, womit sie offenbar die „Wellbeing Community“ meinte, die bei diesem Summit mit 900 teilnehmenden aus 60 Ländern auch ein deutliches Zeichen gesetzt hat.

Die Politik müsse sich dabei aber auch um die handfesten Dinge kümmern, wie etwa materielle Grundversorgung und die physische Sicherheit, so Najat Vallaud Belkacem in ihrem Schlussstatement wohl ganz im Sinne von  Juan Maquieyra, der meinte: „We need to educate politicians – they are part of the solution“.

Weitere, persönliche Eindrücke von seiner Reise zum Wellbeing Summit beschreibt der Autor in seinem Blog.

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