Neue Erzählungen von einem guten Leben oder pragmatische Vorschläge an die Politik?

(cooppa, Hans Holzinger, 15.11.2018) „Kein Land kann ohne Wachstum zu Wohlstand kommen. Doch kein Land wird seine Umweltprobleme mit Wachstum lösen“, damit brachte Kate Raworth in der Eröffnungssession des zweiten Tages der Konferenz „Wachstum im Wandel“ das Spannungsverhältnis zwischen Ökologie und Sozialem auf den Punkt. Und sie zeigte damit zugleich die Richtung des Kurswechsels an. Länder mit bereits hoher Wirtschaftsleistung sind angehalten, den Wachstumspfad zu verlassen. „Wir brauchen einen neuen Kompass für das 21. Jahrhundert, und wenn wir diesen nicht finden, werden wir große Krisen erleben“, so die britische Ökonomin. Mit ihrem Modell der Donut-Ökonomie, beschrieben im gleichnamigen Buch, liefert sie diesen Kompass.

Das Modell besteht aus zwei konzentrische Kreisen, die Grenzen markieren und an einen Donut erinnern. Es bringt das gesellschaftliche Fundament (Innenkreis), also die sozioökonomische Basis, zusammen die den planetarischen Grenzen (Außenkreis). Zurück zu finden in die Grenzen des globalen Ökosystems und zugleich allen Menschen auf der Erde die Basis für ein gutes Leben zu ermöglichen, sei das Ziel von Nachhaltigkeit und den Sustainable Development Goals. Grünes Wachstum wird, so Raworth, nicht reichen. „Wir brauchen eine absolute Entkopplung von Naturverbrauch und Wohlstandssicherung. Eine Politik für das 21. Jahrhundert müsse die Zielrichtung für Entwicklung ebenso ändern wie die Wirtschaft die Investitionsströme. Und: „Paradigm change to wellbeing growth will change our matrix of action“.

Kate Raworth erklärte ihr Konzept „Doughnut Economics“

Hier setzte Tim Jackson, Autor des Bestsellers „Wohlstand ohne Wachstum“, an. Er bezog sich in seinem Referat auf einen Begründer der modernen Physik aus Wien, Ludwig Boltzmann. Dieser habe die Erkenntnisse über Entropie und die Einbettung alles menschlichen Handelns in natürliche Ökosysteme wesentlich beeinflusst. Da die stoffliche Welt von Zerfall bestimmt ist – einmal verwendete Rohstoffe verlieren an Qualität und verbranntes Erdöl ist zwar nicht aus der Welt, kann aber nur einmal verbrannt werden –  stoßen wir auf physikalische Grenzen. „Wenn Menschen in der Natur bestehen wollen, müssen sie lernen, mit der Sonne zu leben“, so die zentrale Botschaft. Der Zugang zu Naturressourcen sei die Basis allen Lebens. Da diese begrenzt sind, müssen wir ein besseres Leben mit weniger Verbrauch an Ressourcen anstreben. Jackson plädierte dafür, dem Wachsen eine neue Richtung zu geben. Der Mensch strebe immer nach Neuem, dem BIP-Wachstum als Grundlogik des 20. Jahrhunderts müsse das Wachsen immaterieller Güter im 21. Jahrhundert folgen. Die Glücksforschung beschreibe den „Flow“, das Sich-Hingeben einer Aufgabe oder einem Anliegen, als anzustrebenden Zustand. Dieser habe meist wenig mit materiellen Dingen zu tun. Wenn die Grundbedürfnisse befriedigt sind, gehe es darum, in Immaterielles zu investieren, etwa künstlerische Kreativität oder soziale Beziehungen, so Jackson.

Christoph Badelt, Leiter des Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts, mahnte in der von Corinna Milborn und Peter Woodward moderierten Diskussion konkrete Maßnahmenvorschläge ein, die der Politik helfen sollen, die Umsteuerung anzugehen. Zudem warf er die berechtigte Frage auf, wem es zu stehe festzulegen, was ein gutes Leben sei und wie der materielle Wohlstand in einer Gesellschaft verteilt werden solle. Jackson und  Raworth betonten hingegen die Wichtigkeit neuer Ideale und Ziele, die vor den Listen für neue Maßnahmen kämen. Auch die Politik des materiellen Wachstums basiere auf einem Ideal, jenem der Anhäufung von materiellen Gütern und Konsumsteigerung. Nur ein grundlegender  Paradigmenwechsel, also neue Erzählungen von einem guten Leben, würden die Kraft entwickeln, eine andere Politik für ein geändertes Wirtschaften einzuleiten. Die Frage, was die Treiber für den notwendigen Wandel sein können und unter welchen Bedingungen kollektives Lernen stattfindet, bleibt uns über die Konferenz hinaus erhalten. Gewiss ist nur, dass wir mit der Natur nicht verhandeln, sondern nur das Wissen über die ökosystemischen Grenzen verfeinern können.

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