„Meine“ Wiener Zeitung – Österreichische Tageszeitung seit 1703

Medium im Kampf um die Zukunft?

(cooppa, Ilse Kleinschuster, 19.04.2018) Als Alleinstehende in einem Alter, in dem einen mangelndes Schlafbedürfnis früh aus dem Bett treibt, freue ich mich täglich über meine Wiener Zeitung, wie sie da früh morgens vor der Wohnungstür liegt, hingeschmissen von einem mir unbekannten Kolporteur (der zu Weihnachten ein paar nette Wünsche in gebrochenem Deutsch beilegt). Ja, ich freue mich darüber und bin fast schockiert, wenn sie einmal nicht da liegt und ich ohne Zeitung noch einmal ins Bett gehen muss.

Dorthin kehre ich seit vielen Jahren mit einer Tasse Tee und meiner Zeitung zurück und beginne zu lesen, zuerst die Schlagzeilen und dann erst entscheide ich mich für „Lesenswertes“. (Diese Option im Online-Modus, Artikel als „lesenswert“ markieren zu können, finde ich bemerkenswert, weil ich mich dadurch als aufmerksamer Leser angesprochen fühle – klicke ich nun „lesenswert“ an oder nicht!?! – ja, und dann gibt es da noch so eine gute Artikelkennzeichnung, die den Leser auf die Anzahl jener Leser aufmerksam macht, die den Artikel eines Kommentars wert gefunden haben. Ich möchte mich jetzt nicht auf Vergleiche mit anderen Tageszeitungen einlassen, nur so viel, als ich noch den STANDARD täglich gelesen hab‘ und dort als ‚Posterin‘ tätig war, verlor ich langsam die Lust am kommentieren – vermutlich aufgrund der zunehmend frech politisch polarisierenden Meinungen, noch dazu teils von anonymer Seite.)

Zukunft der Finanzierung als Amtsblatt

Mit dem Lesen beginne ich auf der ersten Seite, hier finde ich hilfreiche Hinweise der Redaktion auf Artikel in weiteren Teilen der Zeitung, rechts unten auch noch eine Rubrik mit aktuellen Empfehlungen zu Berichten aus und Kommentaren zu verschiedenen Themenbereichen. Es folgt der Teil, der sowohl in der Print- als auch in der Online-Ausgabe mit WELT & EUROPA betitelt ist. Dann gibt es den ÖSTERREICH-Teil mit dem FORUM, den WIEN-Teil, das FEUILLETON und die WIRTSCHAFTSEITE – und dann erst das ‚Amtsblatt‘, einer wesentlichen Finanzierungsquelle der im staatlichen Eigentum stehenden Zeitung mit ungewisser Zukunft, denn:

Der “Entfall der Veröffentlichungspflicht von Eintragungen im Firmenbuch und sonstigen vom Firmenbuchgericht vorzunehmenden Veröffentlichungen im ‘Amtsblatt der Wiener Zeitung’ (vgl. §§ 10, 277 ABs. 2 UGB)” findet sich im aktuellen Regierungsprogramm. Die Veröffentlichung eines Hinweises, dass etwas im Internet abrufbar ist, ist ja in der Tat anachronistisch, ihre Abschaffung wäre aber ein wirtschaftlicher Schlag für das Print-Medium.

Mein Bedürfnis die Zeitung in Händen zu halten während ich sie lese, ist wohl nicht nur, weil ich ein haptischer Typ bin, sondern auch, weil ich, um mich an mir Wichtiges zu erinnern, bestimmte Gedanken/Bemerkungen in einem Artikel unterstreiche. Dann lege ich jene Teile der Zeitung, in denen ich etwas unterstrichen habe auf die Seite, um sie später, wenn ich mich an den Computer setze, wieder hervorzuholen. Sofern es Zeit und Lust erlauben, gehe ich dann noch einmal drüber und versuche, es in den Kontext meiner ganz persönlichen Anliegen zu bringen.

Meine persönlichen Anliegen treffen sich mit jenen der „Initiative Zivilgesellschaft“, d.h. mein Engagement in der „Initiativen Zivilgesellschaft“ hat meine Anliegen vertieft.

Was ich damit meine? Schon lange stelle ich mir die Frage, inwieweit können Medien – die vierte Gewalt im Staat –  jene Teile der Gesellschaft in ihrem Bemühen diese Welt lebensfreundlicher zu gestalten unterstützen, beziehungsweise sie daran hindern. Das scheint mir eine grundsätzlich wichtige Frage, sofern sich Menschen überhaupt noch mit Fragen zu ihren Vorstellungen eines „guten Lebens für alle“ beschäftigen wollen. Ich zumindest halte viel von Schlüsselfragen wie „wie wollen wir leben, wie wirtschaften?“ – sind es doch Fragen, die das zivilgesellschaftliche Zusammenleben betreffen!

Ich habe jahrelang die Tätigkeiten des Vereins „Initiative Zivilgesellschaft“ aus nächster Nähe beobachtet, einer gesellschaftlichen Bewegung von engagierten Organisationen, am Gemeinwohl orientierten Initiativen, sowie einzelner engagierter Bürgerinnen und Bürger auf der Suche nach einem Weg für neue Möglichkeiten. Ich habe ihre Grundsätze verinnerlicht: Politik, die Lebensfreundlichkeit und nicht Wirtschaftswachstum als wichtigstes Ziel verfolgt. Zukunftsfähige Strukturen, die unseren Planeten auch für kommende Generationen lebenswert erhalten können. Aktiv gelebtes Unternehmertum nach sozialen, ökologischen und ethischen Grundregeln. Toleranz für alle Menschen egal welcher Zugehörigkeit, Herkunft oder Konfession. Soziale Sicherheit für alle Europäischen BürgerInnen, aber auch für möglichst viele ErdenbürgerInnen. Die Anerkennung von Frauen und Männern, ebenbürtig und gleichberechtigt. Eine pro-europäische EU-Kritik, um dieses historisch großartige Projekt zu einem sozial und ökologisch vorbildlichen, Kulturen verbindenden und weltweit zukunftsweisenden Projekt zu machen. Die Erhaltung, Verbesserung und Ausbau demokratischer Prinzipien und Strukturen.

Zukunftsfähigkeit und Lebensfreundlichkeit als oberstes Ziel

Dabei bin ich immer auf Menschen gestoßen, die auch daran glauben und sich dafür einsetzen, neue Ideen und Konzepte für die Transformation unserer Gesellschaft zu erstellen, die vermitteln, dass es höchste Zeit ist, dass Bürgerinnen und Bürger unabhängig von politischen Zugehörigkeiten sich in die Geschehnisse, die über unsere Gesellschaft entscheiden, einbringen sollten – und, dass sie dazu auch die Hilfe der Medien benötigen.

Zukunftsfähigkeit und Lebensfreundlichkeit ist oberstes Ziel. Diese Konstanten finde ich zum Großteil auch in vielen der Beiträge in der Wiener Zeitung. Manchmal erlebe ich „meine“ Zeitung sogar als „unsere“ Schattenministerin. Ihre Leitlinie entspricht oft dem Prinzip Hoffnung, jenem Gefühl, das mir sagt, kluge und vernünftige Medien können sehr wohl einen Beitrag dazu leisten den Fortschritt der Menschheit voranzubringen. Das passiert, wenn z.B. Walther Hämmerle, der Chefredakteur, sich im aktuellen Leitartikel zur AUVA-Diskussion (Andenken von Strukturreformen könnten willentlich den Tod von Patienten in Kauf nehmen) fragt, ob die Meister der rhetorischen Eskalation auch selbst glauben, was sie in die Öffentlichkeit hinausplärren, oder ob sie vielleicht nur deshalb maßlos überzeichnen, weil sie glauben, ansonsten gar keine Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu erhalten. Und, wenn er meint, dass diesbezüglich als letzte Hoffnung, bei den Bürgern Skepsis gegenüber Autoritäten als menschliche – und nicht schlechteste Konstante – gefestigt werden könnte.

Oder auch, wenn Walther Hämmerle in seinem Artikel zu den “Trump’schen Befindlichkeitsdebatten“ schreibt:

„Seit einiger Zeit ist jedoch zu beobachten, dass sich etliche Parteien, wenngleich nicht alle, andere, vermeintlich mächtigere Gegner suchen. Für die einen ist dies „das Establishment“ samt seinen liberalen Medien („Fake News“). Andere nehmen die Großmächte des Kapitalismus ins Visier, seien es die Datenkraken aus Kalifornien oder die analogen Großkonzerne.
Möglich, dass sich aus diesen Konstellationen ein neuer, prägender Dualismus entwickelt, aber unwahrscheinlich, dass er ein stabiles Fundament ist, die westlichen Werte fortzuschreiben.“

Sogleich flammt in mir ein aus meiner humanistischen Erziehung herstammender Gedanke auf, ich lasse ihn in einen Kommentar fließen und freue mich, wenn dieser dann wirklich auf der Leserforum-Seite abgedruckt erscheint.

Mit besonderer Aufmerksamkeit verfolge ich die einmal wöchentlich erscheinenden Seiten „Stadt & Land“. Dort schreibt primär Simon Rosner in Sachen Boden- und Klimaschutz. Gerade jetzt fragt er sich (sarkastisch) was der Umstieg, den die schwarz-türkise Regierung großartig propagiert, kosten soll und wer wohl dafür bezahlen wird

Lebenslanges Lernen auch für Journalisten

Bei einem meiner regelmäßigen Besuche der „Mut zur Nachhaltigkeit“-Vorlesungen habe ich dort die WZ Journalistin Petra Tempfer kennen und schätzen gelernt. Ich finde vor allem ihren Beitrag zur aktuellen Diskussion um die 3. Piste sehr gut. „Es geht um die dritte Piste am Flughafen Wien-Schwechat, und mit dem positiven Bescheid 2012 begann ein Zickzack-Flug zwischen „Okay“ und „endgültigem Aus“ für deren Bau. Zuletzt landete das Projekt beim Verfassungsgerichtshof (VfGH): Im Juni dieses Jahres hob dieser das Erkenntnis des Bundesverwaltungsgerichts (BVwG) gegen den Bau der dritten Piste auf.“

Das schon vor vielen Jahren verfassungsrechtlich festgehaltene Staatsziel ‚Umweltschutz‘ – das darf nicht so einfach vom Tisch gewischt werden – ermöglicht nicht nur, aber auch, aufgrund solch mutiger JournalistInnen. Es empören sich viele darüber und so mancher sachlichen Stellungnahme wird auf den Seiten des „Leserforums“ Platz eingeräumt.

Zeitung für Diskussionsraum

Vom Leserforum der Wiener Zeitung zu berichten macht mir besondere Freude. Es ist wohl eines der spezifischsten Merkmale dieser Zeitung. Die Vielfalt der Kommentare ist groß – kurz oder lang, alle werden geprüft und angenommen, vorausgesetzt sie sind versehen mit vollständiger, nachvollziehbarer Adresse. Darunter sind oft auch Gastkommentare, Beiträge von mehr oder weniger bekannten Experten zu verschiedentlichen Themenbereichen.

Vor ein paar Jahren begann die WZ zusammen mit der Diakonie Österreich mit einer Veranstaltungsreihe, „future ethics – Diskursraum der offenen Gesellschaft“, an die Öffentlichkeit zu gehen. Diskussionseinladungen ergingen an namhafte Experten zu verschiedenen Themen. Ich erinnere mich noch gut an eine Veranstaltung mit dem Titel „Was brauchen Menschen unbedingt?“ In diesem Kontext kam es natürlich schnell zur Frage eines universellen Grundeinkommens. Nachdem ich aufgrund der Zeitknappheit meine Anmerkungen in der Publikumsdiskussion nicht mehr anbringen konnte, wurde ich vom Moderator selbst dazu aufgefordert, ihm doch zu schreiben, was ich auch tat und siehe da, es wurde eine ganze Seite meines Textes „Warum ein bedingungsloses Grundeinkommen gut für die Gesellschaft sein könnte“ publiziert (Ich bin seit Jahren aktiv am Runden Tisch Grundeinkommen und auch in einer Arbeitsgruppe Grundeinkommen/attac Ö tätig).

Tja, und solche Erlebnisse stärken das Selbstvertrauen der „kleinen Frau“! – und was wäre wichtiger im Kampf um die Zukunft? Ist es nicht so, dass die Zukunft keine Win-win-win-Option ist, sondern dass klar werden muss, was alles nicht geht. Dazu müssen aber „wir“, die Bürgerinnen und Bürger, beitragen. Ich glaube, je hitziger und konkreter wir das machen, desto größer würde auch das Interesse der Medien, oder?

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