Äste des gleichen Baumes

Die Stiftung kulturelle Erneuerung beleuchtete die Rolle von Wissenschaft, Kunst und Religion für die Transformation

(cooppa, Manfred Ronzheimer, 05.07.2018) Der zivilisatorische Fortschritt, angetrieben durch Wissenschaft und Technik, hat zu einem nie dagewesenen Wohlstand in wachsenden Teilen der Welt geführt. Gleichzeitig hat die moderne Produktions- und Konsumkultur einen Raubbau an Umwelt und Gemeinschaftsgütern bewirkt, der inzwischen mit dem Klimawandel planetare Dimensionen angenommen hat. In Gesellschaft und Politik zudem wachsen Intoleranz und Sympathie für autoritäre Führer. Dringender denn je stellt sich die Frage: Wie lässt sich eine Umkehr zu verträglicheren und nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweisen erreichen?

Das frühere „Denkwerk Zukunft“ hat mit seiner im vorigen Jahr erfolgten Umbenennung in „Stiftung kulturelle Erneuerung“ die Antwort zum Namen gemacht. Meinhard Miegel, Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung, kann nicht erkennen, dass die bisher verfolgten Nachhaltigkeits-Strategien zur Überwindung der „Überforderung von Natur und Gesellschaften“ wirklich erfolgreich sind – weder auf dem Wege der Effizienzsteigerung durch mehr Ökotechnik noch durch den Suffizienzkurs über Reduzierung des Verbrauchs.

„Die Menschen scheitern an ihrer eigenen Kultur“, lautet Miegels Diagnose. Deshalb müsse die Veränderung hier, bei der Kultur und ihren drei zentralen Ausprägungen – der Wissenschaft, der Kunst und der Religion – ansetzen. Das heutige Wissenschaftsverständnis, das sich seit Anbruch der Moderne, ausgehend von Europa, über weite Teile der Welt ausgebreitet hat, weist für Miegel eine Besonderheit auf: „Seine weitgehende und nicht selten völlige Loslösung von ästhetisch/künstlerischen und ethisch/religiösen Bindungen“. Faktisch sei „der ursprüngliche Zusammenhang von Religion, Kunst und Wissenschaft beseitigt“ worden. Miegel: „Die Folge war eine menschheitsgeschichtlich beispiellose Steigerung wissenschaftlicher Produktivität bei gleichzeitiger Zurückdrängung ästhetischer und ethischer Einflüsse“.

Wie schützt der Mensch sich vor sich selbst?

In einer Konferenz suchte die Stiftung kulturelle Erneuerung am vergangenen Wochenende in Berlin nach Möglichkeiten, die drei Kultur-Säulen in ein neues Verhältnis zu bringen. „Wie schützt der Mensch sich vor sich selbst? – Der Beitrag von Wissenschaft, Kunst und Religion“ war die ganztägige Veranstaltung überschrieben, zu der 270 Teilnehmer aus ganz Deutschland ins Tagungswerk der einstigen Jerusalemkirche im Berliner Bezirk Kreuzberg gekommen waren. Können Wissenschaft, Kultur und Religion die Bedrohung des Menschen durch den Menschen mindern und das dadurch das Leben angstfreier und lebenswerter machen? Oder ist es das Los des Menschen: ständig aufzubauen und sich zugleich existenziell zu gefährden? Was können veränderte Denkweisen in Wissenschaft, Kunst und Religion zur Lösung der Menschheitskrise beitragen und wie könnte, wie sollte das neue Denken aussehen? Die waren Leitfragen der Tagung, auf der in drei Sessions der jeweilige Beitrag der Kultursäulen diskutiert wurde.

In ihrer Begrüßung verwies Stefanie Wahl, Vorstandsmitglied der Stiftung kulturelle Erneuerung, auf die Neuausrichtung der Stiftung. Die Themenausrichtung sei allerdings die gleiche wie beim „Denkwerk Zukunft“. Zu den Aktivitäten gehören die Vergabe von Studien und die Ausrichtung von Diskursveranstaltungen. Zum Tagungsthema brachte Wahl das Zitat von Albert Einstein ein: „Alle Religionen, Künste und Wissenschaften sind Äste des gleichen Baumes.“

Von modischen Denkweisen befreien

In seiner Einführung in die Thematik verwies Prof. Dr. Meinhard Miegel, Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung kulturelle Erneuerung, darauf, dass die Brutalität gegen sich selbst dem Menschheitsgeschlecht quasi in die Wiege gelegt sei, wie die Mordfälle Kain und Abel oder Romulus contra Remus mythologisch belegten. Zu den potenziellen Change-Agenten Wissenschaft, Kunst und Religion hob Miegel hervor, dass sie heute „von den zeit- und ortsgebundenen sowie modischen Denkweisen durchdrungen“ seien. „Wenn sie die Menschheit aus ihrer selbst verschuldeten Krise führen sollen, müssen sie zunächst von den Denkweisen befreit werden, die in diese Krise geführt haben“.

Im ersten Konferenzblock „Der Beitrag der Wissenschaft“ kritisierte Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, in seinem Impuls-Vortrag, dass die heutige Wissenschaft sehr selbstreferentiell agiere. Nötig sei, dass das Wissenschaftssystem „konsequenter gesellschaftliche Gesichtspunkte“ aufgreife. „Wir brauchen den Mut zu neuen Formen der Wissensintegration“.

Wirtschaftswissenschaften neu aufstellen

In der Diskussion konnte Prof. Dr. Silja Graupe, Professorin für Ökonomie und Philosophie an der Cusanus Hochschule, die Gründung ihrer neuen Bildungseinrichtung als konkretes Beispiel gegen den Mainstream der Wirtschaftswissenschaften vorstellen, indem Sichtweisen einer „pluralen Ökonomie“ vermittelt werden. Der Neoliberalismus habe die Wirtschaftswissenschaft dazu benutzt, um ein bestimmtes politisches Weltbild zu prägen, das den Eigennutz vor das Gemeininteresse stelle. Graupe: „Diese Fehlentwicklung ist dringend aufzuarbeiten“.

Prof. Dr. Jürgen Mlynek, Professor für Physik, ehemals Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, stellte die Position der etablierten Wissenschaft dar. Er bestätigte, dass es im Wissenschaftssystem neue Positionen schwer haben, was sich auch am Berufungswesen zeige: „Der deutsche Professor klont sich am liebsten selbst“. Auch die Exzellenzinitiative habe in dieser Hinsicht keine Besserung gebracht.

Künstler müssen provozieren

Im Themenblock „Der Beitrag der Kunst“ stellte der Impuls von Thea Dorn, Schriftstellerin, stark auf den Einfluss der Digitalisierung auf die Gesellschaft und den kreativen Prozess ab. Sogar Begriffe wie den der „Autonomie“ – für Dorn „die Königsklasse der menschlichen Emanzipation“ – werde nun aus dem humanen Kontext herausgelöst und für technische Entwicklungen („autonomes Fahren“) benutzt. In der Diskussion machte Prof. Günther Albers, Pianist und Dirigent, Professor an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main, auf die nach seiner Beobachtung zunehmende „Ambiguitäts-Intoleranz“ aufmerksam. Gesellschaften seien zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich tolerant.

Dr. Gabriela Sperl, Film- und Fernsehproduzentin, erläuterte die Mechanismen, wie in öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten kritische Sendungen zustande kommen oder verhindert werden. Ihre Sendung über kriminellen Kinderhandel in der Pädophilenszene sollte eigentlich nicht ausgestrahlt werden, weil keine zwei Millionen Zuschauer erwartet wurden. Sperl beharrte darauf, und die Zuschauerzahl lag schlussendlich bei vier Millionen. „Es war ein Riesenerfolg“, so Sperl. Viele Betroffene hätten danach den Mut gefunden, von ihren Leiden zu erzählen. „Wir müssen provozieren und dahin gehen, wo es weh tut“, formulierte die Filmemacherin die Rolle der Kunst generell.

Religion als gesellschaftliche Ressource

Der dritte Teil „Der Beitrag der Religion“ litt darunter, dass nur eine Religion, das Christentum, vertreten war, und dies überwiegend durch akademische Theologieprofessoren. In seinem Impuls sagte Prof. Dr. Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik an der LMU München, dass eine solche trilaterale Diskussion vor zehn Jahren noch nicht möglich gewesen wäre. Derzeit werde Religion als „gesellschaftliche Ressource“ wieder entdeckt. Es gebe in der Gesellschaft viele unbeantwortete Fragen, etwa im Bereich der sozialen Gerechtigkeit, wofür Religion mit ihrer ethischen Dimension herangezogen werde. Vogt räumte ein: „Das sind häufig andere Diskusionen, als wir sie in der Theologie gewohnt sind“. In der anschließenden Diskussion äußerten sich auch Dr. Petra Bahr, Landessuperintendentin des Sprengels Hannover der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, und Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel, Professor em. für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs an der Universität Tübingen, sowie Prof. Dr. Michael von Brück, Professor em. für Religionswissenschaft an der LMU München.

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