Wissenschaft sucht Gesellschaft

Die neue deutsche Forschungsministerin Karliczek will die Bürger stärker beteiligen – wird ihr das gelingen?

(cooppa, Manfred Ronzheimer, 04.05.2018)

Anja Karliczek will „die Menschen mitnehmen“, mit auf „die Reise in eine neue Zeit“. Die neue Bundesforschungsministerin sprach am ersten Tag der Berliner Digitalkonferenz „re:publica“ vor der überwiegend jungen Generation über das „Zusammenspiel von Mensch und Maschine“, der Digitalisierung, den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz. „Wir bewegen uns zwischen Faszination und Furcht“, sagte sie. (Link zum Redetext: https://www.bmbf.de/de/konferenz-we-can-work-it-out-6134.html)

Sie selbst neigt zur positiven Sichtweise. „Die Digitalisierung bietet uns die Möglichkeit, eine neue Stufe der Entwicklung zu erklimmen“, sagte sie auf der re:publica. „Immer mehr Arbeiten, die belastend oder gefährlich sind, können Roboter für uns erledigen. Deshalb können wir in froher Erwartung in die Zukunft schauen. Die Arbeitswelten der Zukunft sind mehr Versprechen als Bedrohung – wenn wir uns gut darauf vorbereiten. Und gut vorbereiten heißt auch, dass wir uns über den rechtlichen Rahmen und die ethischen Grundsätze unterhalten.“

Bundesministerin Karliczek auf der re:publica

Die Sätze wirken in diesen Tagen noch authentisch. Anja Karlizeck, Hotelfachfrau aus dem Teutoburger Wald und CDU-Bundestagsabgeordnete, ist die Überraschungs-Personalie im dritten Bundeskabinett Merkel. Seit 50 Tagen leitet sie das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), ohne selbst vorher mit dem Wissenschaftssystem intensiver zu tun gehabt zu haben. Als Seiteneinsteigerin weiß sie um den durchaus distanzierten Blick der Gesellschaft auf die Landschaft der Elfenbeintürme. Die Frage ist: setzt sich das in eine Wissenschaftspolitik um, die stärker als bei den Vorgängerinnen Wanka und Schavan – beide klassische politische Repräsentantinnen des Wissenschaftssystems – die Erwartungen der Gesellschaft zum Ausdruck bringt?

Künftige Arbeitswelt bereitet Sorgen

Bei der Hannover Messe vorletzte Woche – dem Hochamt der Technologie-Jünger in Wirtschaft und Wissenschaft – war dies in Ansätzen zu spüren. In ihren Reden, etwa zur Verleihung des Hermes-Award der Messe-Gesellschaft an das innovativste Industrieunternehmen, sprach Karliczek bemerkenswert offen auch kritische Positionen zum derzeitigen Digitalisierungs-Hype um die Industrie 4.0 an. Bei der Gestaltung der „Arbeitswelten der Zukunft“ sei ihr „wichtig, dass wir die Sorgen nicht geringschätzen, die von den Beschäftigten geäußert werden“, sagte Karliczek. Und vor der versammelten Innovations-Elite zählte die Ministerin diese Ängste auf: „Die Sorge, den Arbeitsplatz zu verlieren. Die Bedenken, dass die physische Sicherheit oder der persönliche Datenschutz am Arbeitsort nicht mehr gewährleistet sein könnten. Die Zweifel, dass die eigene Qualifikation nicht ausreicht, um in der ‚digitalen Welt‘ zu bestehen“. Die neue BMBF-Chefin mahnte: „Das alles müssen wir sehr ernst nehmen.“

Weiter führt die Forschungsministerin aus: „Um diese komplexen Fragen zu beantworten, müssen wir ein starkes Netzwerk aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft bilden. Wir brauchen einen offenen Austausch von Meinungen, Erkenntnissen und Erfahrungen, wie wir es im Rahmen des aktuellen Wissenschaftsjahres ermöglichen. Wir brauchen Diskurse über Innovationen und die zukünftige Arbeit in der Industrie.“ Allerdings zeigte die Eröffnung des Wissenschaftsjahres, dass an der Kommunikation noch etwas gearbeitet werden muss.

Ein konketes Anliegen ist die Beschleunigung des Transfers von der Forschung in die Wirtschaftspraxis, speziell bei „Modellen für neue Arbeitsformen“, die in regionalen Kompetenzzentren erarbeitet und dann zügig in Unternehmen ausprobiert werden. Die Ministerin sprach zwei Beispiele an: Das „Future Work Lab“ in Stuttgart, das best practices für die digitale Transformation der Industriearbeit entwickelt, und das Innovationslabor in Dortmund, das hybride Dienstleistungen erforscht und zu mittelständischen Unternehmen bringen soll.

Partizipation der Zivilgesellschaft

Wie die in Aussicht gestellte stärkere Beteiligung der Zivilgesellschaft konkret umgesetzt werden könnte, dazu machte Karliczek beim „Forschungsgipfel“ Mitte April in Berlin erste Andeutungen. Sie sprach von neuen Öffnungs-Anstrengungen der Wissenschaft, um über die bisherigen „Open Science- und Open Access-Ansätze Forschungsergebnisse frühzeitig und transparent verfügbar“ zu machen. Mehr noch: Karliczek forderte von der Wissenschaft, „dass sie sich schon am Anfang des Forschungsprozesses für Fragen und Ideen der engagierten Bürgergesellschaft öffnet“.

Für die Politik kündigte die Ministerin einen Richtungswechsel an: „Wir werden als BMBF neue Beteiligungsformen erproben und gezielt soziale Innovationen fördern“. Von der Wissenschaft, den Hochschulen und Forschungsinstitute, erwarte sie außerdem, dass sie sich „Wissenschaftskommunikation noch stärker als bisher zur zentralen Aufgabe machen muss“, also die mediale Vermittlung in die Gesellschaft. Karliczek: „Wissenschaft muss sich öffnen, muss zuhören und muss sich erklären.“

Welche Rolle dabei die Ansätze der Bürgerforschung, neudeutsch: „Citizen Science“, spielen werden, muss sich noch erweisen. Bisher erwähnte die neue BMBF-Chefin den Begriff kein einziges Mal.

Das müsse aber noch nichts heißen, meinte ein Mitarbeiter ihres Ministeriums am Rande des re:publica-Auftritts, deren Subkonferenz „We can work it out“ zur Zukunft des Arbeit das BMBF mit 165.000 Euro sponsort. „Die Ministerin hat jetzt so viel Neues auf dem Tisch, dass einfach noch nicht alles dran gekommen ist“.

Agentur für Sprunginnovationen

Eine der nächsten Kommunikations-Baustellen wird unter anderem die Neufassung des Hightech-Forums sein, das von der Vorgänger-Regierung erst mit großer Verzögerung gestartet worden war.

Das BMBF werde künftig seine Forschungsförderung „noch stärker auf den Transfer in die Anwendung ausrichten“, kündigte die Ministerin an und führte zwei konkrete Maßnahmen an. So werde eine neue „Zukunftscluster-Initiative“ vorbereitet. Dabei sollen, aufbauend auf den Erfahrungen mit dem erfolgreichen Spitzencluster-Wettbewerb vor einigen Jahren, in Innovationsfeldern mit exzellentem Wachstumspotenzial herausragende Cluster gefördert werden – mit besonderer Ausrichtung auf KMU und zur Linderung des Fachkräftemangels.

Weiter soll etwas eingeführt werden, das es im deutschen Innovationssystem bisher nicht gibt: Eine „Innovationsagentur für Sprunginnovationen“, die staatlich finanziert und mit außergewöhnlichen Freiheitsgraden ausgestattet sein soll, „um Außergewöhnliches zu erreichen“, so Karliczek: „Denn wir brauchen Innovationen, die das Potenzial haben, neue Märkte zu schaffen. Das geht nur mit Mut zum Risiko“. Eine derartige Institution hatte vor kurzem auch die EFI-Expertenkommission gefordert.

Foto: Jan Michalko/re:publica (CC BY-SA 2.0)
„Informieren, Aufklären, Mitnehmen!“

„Power to the People“ (POP) lautet das Motto der re:publica 2018. Am Hotspot der Digitaldebatte konstatierte die Forschungsministerin, dass es auf der einen Seite die „rasanten technologischen Entwicklungen“, auf der anderen Seite „die sorgenvollen Menschen“ gebe. Viele Menschen fühlten sich „von der Entwicklung überrannt“. Karliczeks Appell: „Jetzt gilt es zusammenzuhalten: Forschung zeigt und erklärt, Bürgerinnen und Bürger fragen.“ Die Möglichkeiten und Grenzen technischer und technologischer Entwicklungen müssten breit diskutiert werden. Mit den Worten der BMBF-Chefin: „Die Aufgabe heißt: Informieren, Aufklären, Mitnehmen!“

Beitragsbild: Gregor Fischer/re:publica (CC BY-SA 2.0)

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