Travel, enjoy, respect – nachhaltiger Tourismus weltweit und vor Ort. Eine Standortbestimmung

(cooppa, Fritz Hinterberger, 17.04.2018) Der Club Tourismus ist ein unabhängiges, branchen-übergreifendes „Netzwerk für Tourismus und Freizeitwirtschaft“. Er organisierte vorige Woche im Wiener ImpactHub ein halbtägiges „Forum Zukunft Tourismus“ zum Thema „Nachhaltigkeit in der Kritik? Was bleibt vom Internationalen Jahr des nachhaltigen Tourismus?“. Immerhin, so einige der SprecherInnen schon in der Begrüßung, habe Österreich seit drei Monaten ein „Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus“. Ein Mem das sich fast als „Running Gag“ durch die Veranstaltung zog – von Befürwortern und Kritikern. Denn: die eigentliche „Tourismuskompentenz“ liegt in Österreich gar nicht beim Bund – sondern bei den Ländern. Das Ministerium informiert, diskutiert, veröffentlicht – immerhin. So erbietet man gerade einen – geplanten – Masterplan als Tourismusstrategie, der laut Regierungsübreinkommen ansetzen soll bei der Nachhaltigkeit. Auch der „sanfte Tourismus“ werde dabei erwähnt.

Internationales Jahr des nachhaltigen Tourismus

Umgesetzt werden soll dabei auf nationaler Ebene, was weltweit in einem „Internatonalen Jahr des Nachhaltigen Tourismus für Entwicklung 2017“ der Vereinten Nationen erarbeitet wurde (im Jargon gerne auch als „IY2017“ bezeichnet). „Sensibilisierung, Wissensmanagement, Politikgestaltung“ sind die Ziele dieser Strategie, die in einer „Chengdu Declaration for Action“ gipfelte, einem fünfseitigen Papier, das trotz ambitionierter Ansätze viele davon wieder relativiert, wenn etwa auf die notwendige „Übereinstimmung mit den nationalen Gesetzen“ verwiesen wird. Von Politikbeeinflussung könne so keine Rede sein, so Christian Baumgartner, Professor für Tourismus an der FH Wien. Und ein Kommentator meint: das sei ja kein Wunder bei einem Dokument, das in China beschlossen wird. Die „Zivilgesellschaft kommt darin mit keinem Wort vor“, konstatiert Baumgartner. Immerhin wurde ein „Global Report on Sustainable Tourism“ erstellt und auch Statistiker beschäftigen sich zunehmend mit dem Thema. Der Österreicher Peter Laimer, der bei Statistik Austria Nächtigungsstatistiken und ähnliches erstellt, leitete eine entsprechende Arbeitsgruppe in der Welttourismusorganisation UNWTO, die zu einem „Manila call for action“ zur Messung der NH im Tourismus. So wurde jedenfalls auch – wie immer bei solchen Anlässen – der internationale Konferenztourismus ordentlich beflügelt. Die UNWTO hat immerhin 158 Mitgliedsstaaten und über 500 affiliate members, Unternehmen, NGOs etc. und Pilotstudien wurden für mehrere Länder erstellt – auch für Österreich.

Panel 1 der Veranstaltung: (v.l.) Peter Laimer, Dagmar Lund-Durlacher, Leandry Moreno, Angelika Liedler-Janoschik, Fritz Hinterberger

Ein anderes wesentliches Ergebnis des IY2017 ist das Video „Travel, enjoy, respect“. 1,8 Mio Menschen wurden durch die Website tourism4development2017.org und Social Media  erreicht. „Es mögen Medienexperten beurteilen, ob das viel oder wenig sind“, sagt dazu Baumgartner. (Nachhaltiger) Tourismus ist in 3 der 169 globalen Nachhaltigkeitsziele der UN explizit angesprochen (für Insider: 8.9, 12b und 14.7), so Leandry Moreno von der UNWTO. Da Tourismus aber ein Querschnittsthema sei, wie jede Studierende in der ersten Vorlesungsstunde zu diesem Thema lernt, könne er aber unmittelbar und mittelbar zu allen 169 Zielen beitragen. Schon 2005 hatte die Welttourismusorganisation der UNO nachhaltigen Tourismus als „Tourismus, der den derzeitigen und zukünftigen ökonomischen, sozialen und ökologischen Auswirkungen umfassend Rechnung trägt und dabei die Bedürfnisse der Gäste, der Industrie, der Umwelt wie der einheimischen Bevölkerung berücksichtigt.“ definiert. In Österreich arbeitet Angelika Liedler-Janoschik, im Ministerium zuständig für „Internationale Tourismusanglegenheiten“ daran diese Erklärungen „in unseren Altag, in unser Handeln und Wirken umzusetzen“.

Herausforderungen von wachsendem Tourismus

Tourismus ist einer der weltweit am stärksten wachsenden Bereiche. Wurden 1950 weltweit 25 Millionen Ankünfte von Urlaubern verzeichnet, so stieg diese Zahl seither um das 52-fache auf heute 1,3 Milliarden, während sich im gleichen Zeitraum die Weltbevölkerung um das 3-fache vergrößert hat. Für die nächsten Jahre bis 2030 wird ein weiterer Anstieg von 40% auf 1,8 Milliarden Ankünfte erwartet. Ein Tausendstel davon wird von der UN-Nachhaltigkeitskampagne erreicht. Immerhin?

Jedenfalls wird „Overtourism“ zu einem Thema, das zunehmend auf internationalen Konferenzen diskutiert wird – auch in Österreich. Herausforderungen und Ziele – Tourismus als Partner für lebenswerte Regionen.
Der Jurist und Philosoph Harald Friedel verweist denn auch auf die inneren Widersprüche, der sich eine Organisation wie die UNWTO ausgesetzt sieht, die einerseits die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus als Wachstumsmotor würdigen und gleichzeitig der „Nachhaltigkeit“ zum Durchbruch verhelfen soll. „Tourismus ist Wachstum und Entwicklung“ sagt dazu die Vertreterin der Welttourismusorganisation. 10% des BIP und 10% der Jobs, 7% der Welt-Exporte und 30% der globalen Dienstleistungsexporte hängen vom Tourismus ab.

Unternehmen in der Pflicht

„Wir müssen endlich von den Modellen zur Normalität kommen. Förderungen abschaffen, die nicht nachhaltig sind. Lenkung, Rahmenbedingungen und Incentives (Zuckerbrot und Peitsche)“, sagt Christian Baumgartner. Das gilt insbesondere auch für den Bereich des Sextourismus. „Freiwillige Maßnahmen reichen hier nicht aus. Der Staat muss Rahmen setzen, der dann auch gegenüber den Unternehmen durchgesetzt werden muss“, sagt Astrid Winkler. Großbritannien und Frankreich seien hier Vorreiter, beschränken ihre Regulierungen aber auf den begrenzten Bereich sehr großer Unternehmen. Sie fordert „so etwas wie Tourismusverträglichkeitsprüfungen“ und eine einschlägige internationale Konvention.

Panel 2: (v.l.) Alexander Kesselring, Astrid Winkler, Kerstin Dohnal, Christian Baumgartner, Harald Friedl

Ein Ansatz dafür wäre die Verantwortung der Unternehmen. Diese könnten und sollten ihre Kreativität und Innovationskraft zur Lösung der Herausforderungen der nachhaltigen Entwicklung beitragen.
Die Bilanz ist aber „eher ernüchternd“, nicht einmal 2% der Beherbergungsbetriebe sind mit dem Umweltzeichen zertifiziert, sagt dazu Dagmar Lund-Durlacher, die an der Wiener Modul-Universität das Department für Tourismus und Service Management leitet. Einzelne, immer wieder präsentierte Erfolgsbeispiele tragen nicht zu einem Systemwandel bei. Oft geht es um Schadensvermeidung, weniger um einen positiven Beitrag zur Gesamtentwicklung. Als einen Gründe sieht sie den von Unternehmen betriebenen Ansatz eines Total Quality Management (TQM), der nun auf die Nachhaltigkeit ausgeweitet wird. Das sei aber „zu langsam und zu wenig breit angelegt – ein Ansatz der kleinen Schritte, die nicht geeignet sind, die großen Probleme zu lösen“. „Corporate Social Responsibility (CSR)“ passiere eher am Rande, es zähle nur der kurzfristige Erfolg. Nur der werde honoriert.
„The Business of Business is Business – soziale und ökologische Kosten werden externalisiert, einschlägige Maßnahmen werden dem Markt nicht honoriert.“

„Systemwandel im Tourismus“ notwendig

Dem setzt Lund-Durlacher einen „systematischen Ansatz“ entgegen, den sie CSR 2.0 nennt: Nutzen des Kreativitäts- und Innovationspotentials (sie nennt dafür magdas Hotel in Wien als Beispiel), Skalierung der CSR-Maßnahmen, schnellere und effektivere Reaktion auf dringliche Herausforderungen, Globalisierung (Berücksichtigung regionaler Besonderheiten), Implementierung eines ökologischen Kreislaufsystems. Und: weil individuelles Engagement nicht reicht, sollten sich Unternehmen auch an der Gestaltung von politischen Rahmenbedingungen beteiligen.

„Von einem notwenigen „Systemwandel im Tourismus“ spricht auch Alexander Kesselring von Ashoka CEE und der Schaffung positiver externer Effkete durch „social entrepreneursip“, die neben der direkten (wirtschaftlichen) auch die „indirekten Wirkungen“ im Auge behalten und so der Externalisierung negativer Effekte auf Umwelt und Gesellschaft aktiv entgegenwirken. Social Entrepreneurship sieht Kerstin Dohnal vom Internationalen Institut für verantwortungsvollen Tourismus destination:development als eine Lösung, den Wandel zu gestalten. Ihr Anspruch: mit „Destinationsdesign den Menschen in ihrer Tätigeit Wertschätzung eingegenbringen, Menschen in der Destination zu Entscheidungsträgern machen.“ In ihren zwei Piloten entwickelt sie mit Kooperativen in Lateinamerika Reisen zu Produzenten von Kakao, die damit ihre Wertschöpfungsmöglichkeiten verbreitern können.

Tourismus ist ein Querschnittsphänomen und daher eine Chance, quer über die Gesellschaft, die Umsetzung der SDGs ein Stück weiter zu bringen. Solidarität und Teamgeist quer über alle Sektoren könnte dazu beitragen, Systeme zu dekonstruieren und neue zu schaffen. Dafür wünscht und fordert sie Mut – von SozialunternehmerInnen aber auch Unterstützung von den Regierungen und aus der Privatwirtschaft. Auch starker Organisationen, wie es die UNWTO sein könnte, aber nicht ist. Nur so könne eine wahre Welle des Wandels draus werden, so Dohnal.

Links:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.