Sachbuch zum Klimawandel – wichtig!

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Plus zwei Grad: Warum wir uns für die Rettung der Welt erwärmen sollten

(cooppa, 13.02.2018, Aurelia Jurtschitsch) Frau Univ.Prof. (em.) Helga Kromp-Kolb – Wissenschaftlerin des Jahres 2005, Mitbegründerin des Climate Change Centers Austria (CCCA) sowie der Allianz Nachhaltige Universitäten – und Dr. Herbert Formayer – Assoc.-Prof. an der Univ. für Bodenkultur Wien und Vorstand des CCCA – erklären in dem gut verständlich geschriebenen Buch den Klimawandel bzw. im Fall von Ignoranz zu erwartende worst-case-Szenarien. Sie zeigen aber auch dringend notwendige, oft sträflich vernachlässigte Lösungen auf. Für alle: jede/n Einzelnen, Politik, Wirtschaft, national, international.

Brauchen wir im „Musterland Österreich“ – wir Öko-Bewussten, nach Hainburg, nach der Verhinderung eines Atomkraftwerkes, als eifriges Mülltrennungsland und als Bio-Weltmeister, super Luft, super Wasser – ein Buch, das uns nahelegt, doch ein bisserl mehr für die Rettung der Erde zu tun? – Ja, und nochmal Ja!

Als erstklassige, langjährige Wissenschaftler im Bereich Meteorologie und Klimaforschung über den Tellerrand hinausblickend sind sich die beiden Autoren ihrer Verantwortung in diesem brisanten Thema bewußt und erläutern den Stand der Dinge. In jedem Kapitel wird eine Fragestellung so abgehandelt, dass den klassischen Klimawandel-Leugnern oder bequem Desinteressierten die Augen geöffnet werden. Nämlich, woran man längst die Erwärmung erkennen kann, sei es im Alltag, sei es anhand Langzeit-Statistiken, was daran für wen gut und für wen im Extremfall katastrophal sein wird – und was der Unterschied der aktuellen (rasanten) Klimaänderung zu den fünf vorangegangengen Erdperioden ist: der Fakt, dass diese Erwärmung vom Menschen verursacht und angetrieben wird – und deshalb auch von ihm gesteuert werden kann bzw. muss!

Der Knackpunkt in der jetzigen Entwicklung ist der Mensch, und zwar in mehrfacher Hinsicht: Die Spezies Mensch samt die von ihm domestizierten Tiere (Kühe, Pferde…) machen zusammen 97 Prozent der Masse gegenüber frei lebenden Wirbeltieren aus. Dazu kommt, dass der Mensch ein fleischfressender Primat ist und demnach wesentlich mehr Fläche zur Ernährung in Anspruch nimmt, als wenn er sich direkt von Pflanzen ernähren würde (daher auch der Aufruf zu weniger Fleischkonsum). Typisch für Primaten ist auf der sozialen Ebene, dass der Einzelne sowohl starke Bindungen zu (s)einer Gruppe hegt, anderen gegenüber aber sehr aggressiv sein kann, sprich Machtstreben und Konkurrenz eine Rolle spielen. Da die Menschheit dem Risiko des rezenten eigenen Handelns bezüglich Treibhauseffekt nur zögerlich Rechnung trägt, wird im Buch auch dieses Szenario vorgerechnet: Selbst wenn 99 Prozent der heute lebenden Menschen ausstürben, was dem Klimawandel allein nicht zugeschrieben wird, würden immer noch 75 Millionen Menschen leben. Das wäre deutlich mehr als als die etwa fünf Millionen Menschen, die es vor 10.000 Jahren zu Beginn der kulturellen Entwicklung gab. Die Kombination aus beiden ungünstigen Eigenschaften des Primatenseins wäre also die definitive Katastrophe, wenn zu den diversen Engpässen durch den Klimawandel – Dürre, Überschwemmungen, Anstieg des Meeresspiegels und als dessen  Folge flüchtende Menschen – auch noch politisches Machtstreben etwa in Form eines nuklearen Schlagabtausches käme.

Um zumindest die erste  Option auszuschließen, sollten dringendst sämtliche Alternativen zu den fossilen Energieträgern zum Einsatz kommen. Wobei dies nur eine der Säulen ist, auf denen Klimaschutz aufbaut. Es geht ebenso um Klimagerechtigkeit, wie ausführlich dargelegt wird, d.h. es dreht sich insgesamt um eine politische, soziale/individuelle, wirtschaftliche und technologische Neuorientierung. Insofern werden all diese Parameter in ihren Zusammenhängen erläutert, von den Hochrechnungen des CO2-Ausstoßes bezüglich Klimaerwärmung und demzufolge den verbleibenden Kapazitäten, um das 1,5 Grad-Ziel zu erreichen bis zur (Dis-)Qualifizierung von GeoEngineering. Desgleichen von der Geschichte der Klimaabkommen der 192 Staaten-Gemeinschaft (Kyoto, Rio, Paris) und ihrer zähen Fortschritte bis zu Vorzeige-Projekten in Klima- und Energiemodellregionen, ebenso wie Persönlichkeiten, die Vorreiter im Klimaschutz sind. Die Hauptakteure des CO2-Reigens (Industrie/Energie, Verkehr, Gebäude, Haushalte, Landwirtschaft) werden vorgeführt, aber auch diverse klimaverträglich(er)e Wirtschaftskonzepte (Cradle to Cradle, Doughnut Economy, Post-Wachstum/degrowth, u.a.). Und wer noch nie von Nipun Mehta gehört hat, erfährt etwas über seine Geschenkökonomie.

Die Kapitel zoomen zum einen genauer auf die Lage in Österreich hin, dazu werden auch europäische oder internationale Vergleiche gebracht, zum anderen wird ebenso die globale Gesamtlage beleuchtet, z. B. – logischerweise – der CO2-Ausstoß. In Paris wurden die Zahlen des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change, „Weltklimarat“) anerkannt: Zur Erreichung des 2 Grad Zieles stehen noch maximal 1.000 Gigatonnen CO2 (d.h. Tausend Millionen Tonnen) der Erdgemeinschaft zur Verfügug, für das zu bevorzugende 1,5 Grad Ziel nur mehr 200 Gt. Daraus ergibt sich einerseits , dass 90 (!) Prozent der weltweiten fossilen Energiequellen unter der Erde bleiben müssen, anderseits für Österreich, gemessen an der Einwohnerzahl, die Menge von 1 Gt CO2, die den Menschen hierzulande zustehen. Ohne wirtschaftlichen Paradigmenwechsel und Lebensstiländerung wäre dieses Kontingent 2030 – d.h. in 12 Jahren! – aufgebraucht. Es gilt also keine Zeit zu verlieren, doch die Politik ist säumig bis kontraproduktiv, wie aufgezeigt wird.

Trotzdem oder gerade deshalb wird im letzten Kapitel charmant dazu ermuntert: Meine Enkerl sollen stolz auf mich sein! Hier wird zu einer kurzen Gewissenserforschung bezüglich Ausreden für nicht klimaschonendes Agieren aufgefordert, wobei kein Schlupfwinkel zur faulen Ausflucht gelassen wird. Zuguterletzt werden auch noch Argumente geliefert, warum man „es“ doch gleich am besten für sich selbst tut. – Genaugenommen stellen die Autoren mit ihrer Faktenfülle und der daraus erkennbaren Dringlichkeit einzig klar, dass wir uns für die Rettung der Welt erwärmen MÜSSEN.

PS 1: In dieser Prägnanz und Unausweichlichkeit trat zuletzt die 16jährige Greta Thunberg sowohl beim Klimagipfel in Kattowitz im Dezember 2018 und beim Weltwirtschaftsforum Davos im Jänner 2019 ans Mikrophon – und mobilisiert vielerorts junge Menschen zu Klimaschutz-Demonstrationen. Auch in Wien und Linz jeden Freitag Vormittag: Fridays For Future, FFF, https://fridaysforfuture.at

PS 2: Als ich am 25. 1. 2019 die Quelle zur Abbildung der Anomalie der globalen Mitteltemperatur 1880 bis 2010 (im Buch S. 35) online nachsehen wollte – National Ocean and Atmosphere Administration (NOAA, USA) bzw. National Centers for Environmental Information (NCEI) war die Seite gesperrt: https://governmentshutdown.noaa.gov/    Präsident Trump hat den längsten Shutdown der Regierung wegen der geplanten Grenzmauer zu Mexiko verursacht. In diesem Moment drängte sich mir der Vergleich der politischen mit den klimatischen Extremereignissen auf.

Kromp-Kolb H., Formayer H.
Plus zwei Grad, Warum wir uns für die Rettung der Welt erwärmen sollten
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten, EUR 23,–
Molden Verlag in Verlagsgruppe Styria GmbH & Co. KG;
Auflage: 1 (22. Oktober 2018), deutsch
ISBN-10: 3222150222

https://www.styriabooks.at/plus-zwei-grad

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