Maria Magdalena oder die Geburt des Christentums aus dem Geiste der Depression?

Eine interkulturelle Filmbetrachtung von Reza Rezai und Daniela Castner

(cooppa, Reza Rezai & Daniela Castner, 11.04.2018) Seit 2012 arbeiten wir miteinander bei „KUBRI, Verein zur Förderung des interkulturellen Dialogs“. Wir beraten junge Flüchtlinge und MigrantInnen auf ihrem Weg in die Arbeitswelt und die österreichische Gesellschaft.
Wir, das ist Reza Rezai, junger, unbegleiteter Flüchtling aus Afghanistan, seit 2011 in Österreich, inzwischen Technischer Zeichner, in Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater, stellvertretender Obmann bei KUBRI, interkultureller Berater beim Theaterprojekt „Und wenn wir alle anders wären“. Und Daniela Castner, Publizistin, Sozialphilosophin, Sozialpädagogin in einem interkulturellen Projekt, Obfrau von KUBRI.

Vieles haben wir gelernt in unseren meist stundenlangen Diskussionen um verschiedene Religionen und Weltanschauungen, gleiche und verschiedene Werte, verschiedene Lebensformen und -stile, verschiedene Erfahrungen. Oft sind wir dabei uns selber fragwürdig geworden, mussten uns unsere Begrenzungen, auch unsere kulturellen Begrenzungen eingestehen, manchmal konnten wir sie überwinden, manchmal aber auch nicht.
Und wenn wir jetzt sagen müssten, was das Beste an diesen Diskussionen war und ist: Horizonterweiterung. Verstehen lernen. Die Andere und den Anderen und uns selbst.
Und im Lichte des Anderen das Eigene neu überdenken.
Von eben diesem unserem Neu-Überdenken wollen wir, Daniela und Reza, hier berichten:

„Wenn Jesus und Maria Magdalena Sex miteinander gehabt hätten, dann wäre die christliche Geschichte viel schöner geworden. Ein bißchen Lebensfreude hätte man dem armen Jesus in seinem traurigen Leben wirklich gewünscht.“ Reza nach dem Besuch des Films „Maria Magdalena“. Ein Film (Regie vom Australier Garth Davis), der in berührenden, teilweise erschütternden Bildern noch einmal die Geschichte Jesu neu, aus dem Blick der Maria Magdalenas (Rooney Mara) erzählt. Gesehen mit den Augen eines jungen Mannes mit muslimischem Background.

Reza kennt Jesus, von dem Mohammed als seinem Bruder spricht, der am Ende der Zeiten gemeinsam mit dem Gesandten Gottes die Lebenden und die Toten richten wird. Jesus, „der Prophet der Liebe“, auch „Geist Gottes“ (Ruhol Qoddus) genannt. Auch die Weihnachtsgeschichte, sowohl in christlicher, wie in islamischer Fassung ist ihm vertraut. (Wobei im Koran Jesus schon als frisch geborener Säugling sprechen kann, um seine Mutter zu verteidigen, die auch bei den Muslimen jungfräulich zum Kinde kommt. Allerdings ist Jesus im Islam nicht Gottes Sohn, außer in dem Sinne, dass alle Menschen Gottes Kinder wären, denn Gott zeugt nicht, Gott erschafft, durch sein Wort allein wird Jesus als Kind der Jungfrau geschaffen.)

Nur die Leidensgeschichte wird von den Muslimen umgedacht, wegen ihrer Unvereinbarkeit mit Gottes Gerechtigkeit, der unmöglich seinen Propheten der Liebe am Kreuz verrecken lassen kann (eine der schmählichsten Hinrichtungsarten der Zeit). Jesus kann fliehen (mit seiner Mutter); manche erzählen, dass er hochbetagt in Kaschmir gestorben sei, noch heute pilgern Muslime zu seinem Grab in Sinagar.

Statt Jesus aber stirbt – unter dem gerechten, islamischen Gott – Judas, der Verräter, am Kreuz. Reza dazu: „Ich will über ihn lieber wie im Film denken, grade die Rolle von Judas war so rührend. Er weiß nichts von sich aus, sein Glaube ist vollständig abhängig von Jesus, von dem Jesus, der Wunder tut. Ich habe mehr Mitleid mit Judas gehabt als mit Jesus, weil Jesus weiß, was er tut, Judas aber so blind ist in seinem Glauben. In diesem Film verrät er Jesus, weil er wortwörtlich an die himmlischen Heerscharen glaubt, die den Heiland retten werden! Sein Glaube ist so arm und dumm, aber grade deshalb so rührend. Judas ist unschuldig, auch in seiner Beziehung zu Maria Magdalena, der Einzige von den Jüngern, der sie nicht mit sexistischen Augen anschaut. Die Anderen aber – genau wie die Papstleute, sie verbieten sich die erotische Liebe, aber haben gerade deshalb immer einen sexistischen Blick auf Frauen.“

So wird Maria Magdalena denn auch im 6. Jahrhundert, fast 500 Jahre nach Jesu Tod, von Papst Gregor zur Sünderin, zur Hure erklärt, kein Vorbild für christliche Frauen. Erst 2016 wird sie von Papst Franziskus rehabilitiert und unter die Apostel aufgenommen.

„Dabei ist sie die Einzige, die Jesus versteht, jedenfalls in diesem Film. Sie versteht als Einzige, dass es Jesus nicht um eine politische Revolution geht, sondern um eine Revolution der Herzen. Petrus aber denkt politisch, er will sich wehren, einen Aufstand machen, gegen die Römer und auch gegen die Priester. Er will weltliche Macht, ist er nicht dann auch der Kirchengründer geworden?  Darin ist er wie Mohammed nach seiner Flucht aus Mekka. Als Mohammed sich verteidigen musste, wurde der Islam politisch.

Jesus aber, jedenfalls in diesem Film, denkt nicht politisch, will nicht politisch sein, er sehnt sich nach dem Jenseits, er will weg von dieser Erde, in der es für ihn keine Freuden gibt, und das versteht Maria Magdalena. Denn auch sie sehnt sich. Genau wie Jesus, nach Einheit mit Gott.“

 

Es ist aber auch eine düstere, traurige Erde, über die Regisseur Garth Davis seinen Jesus wandern läßt. Eine karge, bedrückende Welt ohne Spiel und Spaß, eine Wüste ohne Lachen. Dabei die Landschaft so unendlich weit, dass die Menschen sich darin verlieren können. (Müssen sie sich deshalb so enge, starre LebensRegeln bauen, um sich selber Schutz zu geben vor dieser immer drohenden Verlorenheit?)

Jesus aber? Jesus aber ist in dieser Welt der Allerverlorenste. „Einsamer als alle seine Jünger, ihm bleibt nur Gott.“

Denn leider nein, Maria Magdalena wird in diesem Film nicht seine Geliebte, die ihn zu den Freuden des irdischen Lebens bekehrt, wie wir FeministInnen es uns so gerne ausdenken wollen, ist nicht die Todsünde des Christentums seine Sinnenfeindlichkeit? UNSER Jesus  hingegen

Doch nein, dieser Jesus, der Jesus von Garth Davis ist zum Verzweifeln weit abgewandt von aller Sinnenwelt, er feiert keine Hochzeiten, verwandelt kein Wasser in Wein, nein, ‚was habe ich mit dir zu schaffen, Welt!‘, sein Leben ist Einüben in seinen baldigen Opfertod, es gibt keine Hoffnung für ihn in dieser Welt. Und so erscheint er auch nicht als der schöne, strahlende, junge Mann, als den wir ihn von vielen Bildern kennen, und dem wir  gerne folgen können würden.

Ein schwermütiger, von trostloser Weisheit gezeichneter Mann (Joaquin Phoenix), ein alter Schamane, Flüchtling dieser Erde, verfilztes Haar, in Lumpen. Ganz einer dieser unserer geringsten Brüder, nichts als ein armer, verloren umherwandernder Mensch.

„Aber als er dann gesprochen hat, ich habe richtig eine Gänsehaut bekommen, Angst, dass es falsch sein könnte, wie wir leben. Zu irdisch, oberflächlich, zu vergänglich irgendwie.“

Aber der Schmutz. Für einen Menschen, der mit den Reinlichkeitsgeboten eines überaus säuberlichen Propheten aufgewachsen ist, Waschungen sämtlicher von schlechtem Geruch bedrohter Körperteile sind religiöse Pflicht bei den Muslimen und Musliminnen, für einen so auf Reinlichkeit bedachten Menschen ist ein solch schmutzstarrender Prophet, und wenn er noch so weise spricht, ziemlich befremdlich.

„Andererseits wird dadurch verständlicher, dass es nicht um körperliche Liebe geht, sondern um seelisches Verstehen. Sex zwischen ihnen wäre höchstens erst nach seiner Auferstehung möglich gewesen, als Jesus verklärt und rein ist, vorher? Jesus und Maria lieben einander als Menschen, die einander verstehen, und das ist für beide noch mehr als die natürliche Liebe zwischen Mann und Frau.“

Und Maria Magdalena kann Jesus verstehen, weil sie selbst eine Heilerin ist. Wie sie gleich am Anfang ihrer Schwester bei der Geburt des ersten Kindes hilft – (auch das war ein einziger Schrecken, man konnte die Verzweiflung, gradezu die Todesangst im Gesicht des gebärenden Mädchens schmerzhaft miterleben), „wie Maria Magdalena sich zu ihr legt, sie hält – genauso wie Jesus, als er den Toten erweckt. Obwohl, das war die einzige Szene, die ich nicht akzeptieren konnte in dem Film, Tote erwecken können, das erscheint mir lächerlich.“

Obwohl auch im Islam Jesus, anders als Mohammed, Wunder tut, Lahme können wieder gehen, Blinde sehen und auch Lazarus wacht auf. Doch diesem Wunderglauben kann sich Reza dann doch nicht mehr anschließen.

Wohl aber der Hoffnung dieses Films.

Das ist das Schöne an diesem Film, dass er Maria Magdalena nicht als eine schwache Frau darstellt. Dass er zeigt, es sind die Frauen, die wirklich verstehen, was diese Nächstenliebe ist, die Jesus predigt. Von den Frauen kommt die Veränderung, jetzt kommt die Zeit der Frauen, die letzten Worte der Maria Magdalena in diesem Film haben mir wieder Hoffnung gegeben: ‚Die Welt wird sich nur ändern, wenn wir uns ändern. Ich werde nicht schweigen, ich werde gehört werden.‘ Schade, dass es in Europa nicht mehr so viele Gläubige gibt, die auf Maria Magdalena hören würden. Gerade weil die Männer, solche KirchenMänner wie Petrus in diesem Film, der Maria Magdalena den Mund verbieten wollen, ’sprich nie wieder in seinem Namen!‘, weil die Priester die Frauen nicht hören wollen.

Ich habe so eine Wut auf die Priester bekommen, auf alle Priester, grade die Muslime sollten diesen Film unbedingt sehen. Die Stelle, als Jesus mit den Frauen spricht. Alle im Tschador, genauso wie immer noch bei uns! Als die eine Frau sagt, ‚unser Leben gehört nicht uns!‘ Mir ist es kalt den Rücken runtergelaufen, genauso wie immer noch bei uns in Afghanistan. Das ist ein Film, den viele sehen sollten, viele Priester von allen Religionen und viele Frauen.“

Und dennoch, „die frohe Botschaft“ des Christentums, wie Garth Davis sie zeigt?: Glückseligkeit gibt’s nur bei Gott in einem anderen Leben?

Und das ist für einen jungen Mann mit muslimischem Background eine zu traurige Botschaft. Da doch sein Prophet die Gläubigen auffordert, die guten Gaben Gottes mit Freuden und Dankbarkeit zu genießen.

„Gott will doch, dass wir glücklich sind auf seiner Erde oder etwa nicht?“

 

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