Kunstfleisch aus der Retorte

Biotechnologie und Bioökonomie verändern Wirtschaft und Konsumverhalten

(cooppa, Manfred Ronzheimer, 08.05.2018)

Was ist technologisch das nächste große Ding, das nach der Digitalisierung auf uns zukommt, wollten die Regierungsgewaltigen im Kanzleramt wissen. Das wird die Biologisierung der Wirtschaft sein, antworteten die Wissenschaftler. Nutzung nachwachsender Rohstoffe, erneuerbare Energien, grüne Chemie, Kreislaufprozesse ohne Abfall. Wird es wirklich so kommen? In Berlin zogen jetzt zwei große Konferenzen zur Biotechnologie und zur Bioökonomie eine Zwischenbilanz. Es ist tatsächlich in der Forschungspolitik so wie in der Natur: Nicht alle Blütenträume reifen auch zur Frucht.

Den ersten Schuss Wasser in den Wein gossen bereits im Vorfeld die Wirtschaftsberater der Agentur „Ernst&Young“ (EY) als sie in ihrem neuesten Biotechnologiereport die Innovationspolitik der Bundesregierung bemerkenswert kritisch kommentierten. Zwar sei beim Innovationsdialog im November 2016 die Bedeutung einer „Biologisierungsagenda“ in Analogie zur „Digitalisierungsagenda“ von den Politikern ankerkannt worden. „Leider ist eine solche bis heute nicht absehbar“, notierten die EY-Berater. „Ein großer Wurf blieb bis heute aus“.

Zur Lage der deutschen Biotechnologie ermittelte der EY-Report, dass sich in 2017 die Zahl der Unternehmen auf 626 leicht erhöht habe (2016: 621), dafür stieg die Zahl der Beschäftigten auf 17.585 stärker an (um 11 Prozent). Der Umsatz wuchs mit 2,3 Mrd Euro nur halb so stark (um 6 Prozent). Besorgnis erregen muss der Fakt, dass die deutschen Biotech-Unternehmen ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung zurückschrauben: 2017 auf 737 Mio Euro (4 Prozent weniger als die 764 Mio Euro im Vorjahr). Unbefriedigend sei auch die stagnierende Zahl von 27 Bio-Startups, mit Schwerpunkt bei der Entwicklung von Therapeutika. Vor allem fehlt es an Risikokapital für Neugründungen.

Von der Biologie zur Innovation

Die neue deutsche Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) signalisierte, dass die Bundesregierung sich im Bio-Bereich stärker engagieren wolle. Vor Journalisten hatte sie drei Punkte vorgestellt, die aus ihrem Ministerium jetzt angegangen werden sollen: Ein neues Konzept zur Unterstützung von mehr Ausgründungen aus der Wissenschaft, die Fortschreibung der „Nationalen Forschungsstrategie Bioökonomie 2030“ sowie eine ressortübergreifende Agenda „Von der Biologie zur Innovation“, die bereits im Koalitionsvertrag verankert ist. „Wir müssen aus den Nischen in die industrielle Breite kommen“, begründete die Ministerin den neuen Ansatz, der „zügig auf den Weg“ gebracht werden solle. Noch vor dem Sommer wolle man die Abstimmung mit den anderen Ministerien, die ebenfalls mit der Bioökonomie zu tun haben – Wirtschaft, Landwirtschaft, Umwelt – erreicht haben. Auch die Finanzsummen stehen noch nicht fest, auf die man sich erst im Zuge der Haushaltsberatungen verständigen kann. Verstärkt werden sollen auch die öffentlichen Diskurse über die Bio-Perspektiven, um eine Akzeptanz in der Bevölkerung zu erreichen. Das Scheitern der „grünen Gentechnik“ in Deutschland ist den Forschungsverantwortlichen ein mahnendes Beispiel.

Medizin führt bei Bio-Gründern

Wohin sich die deutsche Biotechnologie inhaltlich entwickelt, ließen die acht Preisträger des Wettbewerbs „Gründungsoffensive Biotechnologie“ (GO-Bio) erkennen, die auf den Deutschen Biotechnologietagen ausgezeichnet wurden. Forscher der Berliner Charité entwickeln ein neues Verfahren, mit dem sich durch gentechnische Veränderungen epileptische Anfälle dauerhaft verhindert lassen. In Tests an Mäusen hat es bereits funktioniert. Ebenfalls in Berlin, am Max-Delbrück-Centrum, arbeitet ein Team an einer T-Zell-Therapie gegen Blutkrebs, während an der Uni Braunschweig ein Mittel gegen Zeckenbisse gesucht wird.

Die medizinischen Anwendungen überwiegen bei der diesjährigen Preisrunde – unter ihnen das Dresdner Startup-Projekt RecTech um den Medizin-Systembiologen Prof. Frank Buchholz aber auch ein Team aus der Hochschule Ostwestfalen-Lippe ist dabei, das aus Reststoffen der Landwirtschaft biotechnologisch bestimmte Peptide für eine gesunde Ernährung entwickelt. Insgesamt sind aus dem GO-Bio-Wettbewerb, für das BMBF 150 Millionen Euro ausgibt, 26 neue Unternehmen entstanden.

Lebensmittel der Zukunft
Neuer Bio-Trend: Die Kräuterfarm im Treibhaus daheim – vorgestellt auf dem Bioökonomie-Kongress. (Foto: Manfred Ronzheimer)

Welche Lebensmittel in Zukunft auf unsere Teller kommen, wusste die Münchener Ernährungsphysiologin Hannelore Daniel zu berichten. Essen aus dem 3-D-Drucker, das Fleischpaste oder Kartoffelbrei in appetitliche Formate bringt, klingen für Normal-Esser abseitig. „Aber die Hälfte der über 90-jährigen kann nicht mehr richtig kauen“, berichtete Daniel. Für sie wären solche Food-Arrangements eine Bereicherung. Ein großer Markt zeichnet sich beim Kunstfleisch ab, an dem derzeit aus unterschiedlichen Richtungen geforscht wird, darunter die Herstellung aus tierischem Zellmaterial wie auch aus pflanzlichen Proteinen mit nicht zu unterscheidendem Beef-Geschmack. Es sieht aus wie Fleisch, schmeckt wie Fleisch, ist aber vegan. Ein US-Startup, das an dieser Technik arbeitet, wollte Google für 300 Millionen Dollar übernehmen. Da beim globalen Bevölkerungswachstum die Fleischproduktion aus ökologischen Gründen an ihre Grenzen stößt, machen bereits Planungen die Runde, dass sich entlegene Dörfer auf diese Weise mit Fleisch-Substituten aus dem Fermenter versorgen können. Forscherin Daniel: „Wir leben in aufregenden Zeiten“.

Immer mehr Ländern steigen in die Bioökonomie ein

Die ökologischen Grenzen und die Orientierung an den 17 Nachhaltigkeits-Zielen der Vereinten Nationen sind auch eine inhaltliche Klammer für den 2. Weltgipfel der Bioökonomie der mit 800 Teilnehmern der größte seiner Art war. Vorgestellt wurde eine neue Studie des deutschen Bioökonomierates, die einen Überblick über die weltweiten politischen Aktivitäten zur Bioökonomie gibt. An die 50 Länder haben sich bereits Bioökonomiestrategien gegeben, wie es sie seit 2012 in Deutschland gibt, finanziert mit 2,4 Mrd Euro aus öffentlichen Mitteln.
Das Bundesforschungsministerium hat auch eine neue Fördermaßnahme „Bioökonomie als gesellschaftlicher Wandel“ aufgelegt. Sozioökonomische Fragestellungen stehen im Vordergrund.

Bioökonomie-Gipfel in Berlin (Foto: Manfred Ronzheimer)

„Wir sollten unsere Strategie mehr auf Wertschöpfungsketten ausrichten“, sagte die Vorsitzende des Bioökonomierates, Christine Lang, Chefin eines Berliner Biotechnologieunternehmens und Gastgeberin des Gipfels. „Der Aufbau einer nachhaltigen, biobasierten Wirtschaftsweise ist angesichts der weltweit wachsenden Umwelt- und Klimaprobleme dringender geboten denn je“. Eine Weltausstellung zur Bioökonomie präsentierte 85 innovative Produkte aus 34 Ländern, die bereits heute mithilfe biobasierter Verfahren und auf Basis nachwachsender Rohstoffe hergestellt werden, darunter nachhaltige Textilien und Bio-Kosmetika.

Bioökonomie in der Textilbranche: Verwendung nachhaltiger Materialien (Foto: Manfred Ronzheimer)

In einer Delphi-Befragung zur Zukunft der Bioökonomie sehen die weitaus meisten der 40 Experten die schnellste Anwendung im Bereich der Energie, gefolgt von neuen Produkten, der Landwirtschaft und dem Lebensmittelsektor. Überraschenderweise erhielt das Einsatzgebiet „Green Cities“, die Nutzung in Städtebau und Stadtgestaltung, die in der deutschen Strategie ganz vorne steht, eine der niedrigsten Expertenbewertungen. Ziel verpasst?

Biosprit: Das Palmöl-Desaster

In der Tat gibt es Ziele, die bisher nicht erreicht wurden, räumt Reinhard Hüttl ein, der als Leiter des Geoforschungszentrums Potsdam die deutsche Bioökonomiestrategie wissenschaftlich auf den Weg gebracht hatte. Dazu zählt er den Sektor der Bioenergie, wo man lernen musste, dass mit den neuen Biokraftstoffen (E-10) kein günstiger „ökologischer Fußabdruck“ erreicht wurde. Dass für Palmöl zur Spritbeimischung in fernen Ländern Tropenwälder gerodet werden, stand auch nicht auf dem Öko-Plan. In Deutschland setzt die „Vermaisung“ der Agrarlandschaft der Bodenqualität zu. Auch die nächste Stufe der Bioökonomie muss daher von Anfang an mögliche, nicht-beabsichtigte Technikfolgen aufspüren, um sie schnell zu korrigieren. Selbst-Reperatur ist schließlich auch ein Überlebensprinzip der Natur.

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