Klimaneutralität erfordert alle

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(cooppa, 23.11.2020, Fritz Hinterberger) Auf allen Ebenen – von der globalen Dimension über die USA, China, die EU und schließlich Österreich – steht der Umgang mit dem Klimaproblem vor einem neuen Anfang“, stellt Stefan Schleicher (Professor am Wegener Center für Klima und globalen Wandel & Konsulent am WIFO) im ersten Block der Jahrestagung des Austrian Chapter des Club of Rome fest.

Im zweiten Teil geht es um die Frage „Welche radikalen Schritte braucht das globale Energiesystem für das Erreichen einer Klimaneutralität?“. Er wird eröffnet von Sandrine Dixson-Decleve, der Präsidentin des internationalen Club of Rome, und Kandeh K. Yumkella, dem ehemaligen UNIDO-Generaldirektor und jetzigen UN-Sonderbeauftragen für Erneuerbare Energie.

Energie als zentraler Faktor

Das anschließende Panel wird eröffnet von Michael Losch, Mitglied im Vorstand des Austrian Chapter des Club of Rome und neuerdings Sonderbotschafter für Grüne Industrie im Klimaminsterium. Die letzten Jahre seiner Laufbahn beschäftigte er sich – zunächst im Wirtschafts- und dann im Nachhaltigkeitsministerium mit Energiefragen. Eine Frage an ihn lautet: welche Rolle spielt der Energiebereich Österreichs im europäischen und globalen Maßstab. Welche Verantwortung hat Österreich diesbezüglich in der Welt.

Losch: „Die Europäische Union ist auf gutem Weg, mit dem Green Deal ihr Energiesystem und ihre Industrie zu dekarbonisieren. Technologieinnovationen und insbesondere die erreichte Kostenreduktionen bei Photovoltaik eröffnen auch wirtschaftlich aufstrebenden Ländern in Afrika und Asien die Möglichkeit, mit dezentraler erneuerbarer Energie ein klimaneutrales Energiesystem aufzubauen. Große Hoffnungen werden auch in grünen Wasserstoff gesetzt, um erneuerbare Energie zu speichern und mit neuen Technologien auch die Industrieproduktionen zu dekarbonisieren.  Jedoch werden im manchen Regionen der Welt noch immer neue Kohlekraftwerke gebaut, werden Regenwälder für landwirtschaftliche Exportproduktion abgeholzt, und werden Industrieproduktionen in Länder verlagert, die mit subventionierten fossilen Energiesystemen und geringen Umweltstandards die Ziele unterlaufen. Wir brauchen daher eine gesamthafte Sicht, die den Ressourcenverbrauch und den CO2-Fußabdruck über die gesamten globalen Wertschöpfungsketten hinweg betrachtet. Daraus folgen aus meiner Sicht zwei Hebel: Einerseits eine klare Industrie- und Handelspolitik, die Klimainnovationen und Kreislaufwirtschaft unterstützt und endlich mit einem Carbon Border Adjustment Mechanismus einen fairen globalen Wettbewerb sichert – und damit ein weiteres Abwandern von industrieller Wertschöpfung aus Europa verhindert. Gleichzeitig aber auch ein Kooperationsangebot auf Augenhöhe, insbesondere an Afrika, um mit großen Aufforstungsprojekten sowie „Desertec-inspirierten“ Erneuerbaren Projekten eine klimapolitische und ökonomische Win-Win Situation zu erzeugen.“

Der Wirtschaftsforscher Karl Aiginger meint dazu: „Europa und die Welt müssen gemeinsam das Klimaproblem lösen“. Und: „Es müssen die reichen Länder beginnen!“ Klimaneutralität erfordert den Einsatz aller, was aber nicht dazu führen sollte, auf andere zu warten. Es sei „populistisch“ ein Vorangehen etwa Chinas zu fordern. Aiginger nimmt dabei neben der Politik auch die Bürger*innen in die Pflicht: „Wer den Klimavertrag einhalten will, muss Verkehr und Bauten bis 2040 emissionsfrei machen d.h. bis 2030 kein neues Auto mit Verbrennungsmotor und keine Ölheizung.“

Die europäische Ebene

Und Josef Vasak, Berater für wirtschaftspolitische Koordinierung und Europäisches Semester bei der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich fügt hinzu:  „Die EU hat ein historisches Finanzpaket über 1,8 Billionen Euro für die kommenden Jahre geschnürt, wobei ein Drittel in den Klimaschutz fließen soll und so den Europäischen Grünen Deal unterstützen wird. Wir haben jetzt die Chance, die Weichen in Richtung Klimaneutralität zu stellen. Wir werden das Ziel erreichen, wenn niemand zurückgelassen wird und alle einen aktiven Beitrag leisten.“

“Eine große Mehrheit der Bürger in Europe – auch in Osteuropa – betrachtet die Klimakrise als dringliche politische Aufgabe”, sagt dazu Mathias Buck vom Berliner Think-Tank Agora Energiewende. Die Herausforderungen des Wandels seien in den Ländern Osteuropas aber teilweise größer. “Einzelne osteuropäische Länder haben noch einen längeren Weg vor sich beim Kohleausstieg. Zudem haben die meisten Länder in Osteuropa verhältnismäßig niedrige Pro-Kopf-Einkommen und benötigen deshalb für die oft kapitalintensiven Energiewende-Investitionen in höherem Maße als andere Mitgliedstaaten Unterstützung aus dem europäischen Haushalt oder durch die Europäische Investitionsbank.”

„Ohne Veränderung unseres Mobilitätsverhaltens, werden wir die Klimaneutralität nicht erreichen“, meint dazu Silvia Angelo aus dem Vorstand der ÖBB Infrastruktur AG. „Die Bahn ist hier wesentlicher Partner – denn wir brauchen eine Mobilitätswende sowohl im europäischen Personenverkehr, aber noch viel wichtiger im europäischen Güterverkehr. Der LKW-Verkehr war zuletzt immerhin für ein Drittel des vom Straßenverkehr verursachten Treibhausgas-Ausstoßes verantwortlich. Güter auf die Schiene zu bringen, muss unser gemeinsames europäisches Ziel sein.“

Die Tagung. Beginnt am 24.11.2020 um 14 Uhr hier.

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