Klimaforschung top, Klimapolitik flopp

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Auf der Forschungskonferenz des WBGU wurde ein neuer Aktionsplan für Nachhaltigkeit und Digitalisierung vorgestellt

(cooppa, 03.01.2020, Manfred Ronzheimer) Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierungen für Globale Umweltveränderungen (WBGU) – von Amts wegen mit Ökothemen und Nachhaltigkeit befasst – hat sich das Thema Digitalisierung auf die Fahnen geschrieben. Nachdem das Gremium im Frühjahr 2019 eine 500-Seiten-Studie zu den Wechselwirkungen von Digitalisierung und Nachhaltigkeit vorlegten, diese im Sommer auch auf Ebene der UN-Nachhaltigkeitskonferenz in New York einbrachte, fand nun im Dezember im Berliner Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Umsetzung-Diskussion für Deutschland mit 260 Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Umweltschutz statt. Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch der neue Aktionsplan des BMBF „Natürlich.Digital.Nachhaltig.“ vorgestellt. Die Konferenz „Zukunft gestalten: Digital und nachhaltig“ wurde vom WBGU und vom Weizenbaum-Institut (WI) für die vernetzte Gesellschaft ausgerichtet.

Gerade der am Wochenende zuvor gescheiterte UN-Klimagipfel in Madrid machte ein zentrales Spannungsfeld deutlich, das zwischen digital gestützter Umwelt- und Klimaforschung und der praktischen Nutzung der Erkenntnisse zu Umweltschutz und Krisenprävention besteht. „Die technischen Möglichkeiten sind vorhanden, aber es fehlen die Regeln, um eine faktische Verbesserung des Umweltzustandes zu erreichen“, beklagte die Meeresforscherin Antje Boetius, die das Alfred-Wegener-Institut der Helmholtz-Gemeinschaft in Bremerhaven leitet und sich für den Transfer im Hightech-Forum der Bundesregierung beteiligt. Wichtig sei nun, angesicht der auf der COP erneut präsentierten Evidenz der Klimagefahren im neuen Jahrzehnt, zu schnellen Veränderungen zu kommen.

Schon heute sind die digitalen Technologien durch ihren Energieverbrauch für vier Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich – so viel wie der Flugverkehr. Dieser Anteil könnte sich mit den derzeitigen Steigerungsraten des Energieverbrauchs von jährlich neun Prozent bis zum Jahre 2025 verdoppeln.

Wissensdefizit in der Politik: „You can’t govern what you do not understand“

Wie die Blockadehaltung der Politik überwunden werden kann, dafür hatte indes keiner der BMBF-Diskutanten ein Patentrezept. Immerhin deutete die Bemerkung von Dirk Messner, Mitautor der WBGU-Studie, der ab Januar 2020 die Führung des Umweltbundesamtes (UBA) innehat, in die erforderliche Richtung: „You cannot govern what you do not understand“. Noch immer sei zu wenig ökologisches Faktenwissen in den Entscheidungsebene der Politik vorhanden. An diesem Input zur Verbesserung der Governance – Beispiel Madrid – müsse gearbeitet werden.

Wörtlich sagte Messner in seinem Vortrag (siehe Video-Dokumentation):

„Wir haben in der Vorbereitung unseres Gutachtens viele Diskussonen mit den Ressorts geführt. Wir haben mit allen Ministerien zusammen gearbeitet im Zuge der Produktion des Gutachtens. Und was dabei ganz deutlich geworden ist: das Knowhow in den Ressorts, in den Ministerien über das, was digitalisierte Technologien sind, was KI oder Machine Learning ausmacht, ist außerordentlich schwach ausgeprägt. Wir brauchen eine massive Ausdehnung des Knowhows in den Ressorts über das, was hier digitale Transformation heißt. Im englischen formuliert: Because you cannot govern what you do not understand. Und das ist eine ganz simple Aussage mit beachtlicher Wirkung. Wir müssen die Modernisierung unserer ministeriellen Landschaft in diesen Bereichen ganz massiv vorantreiben – um nicht nur Governance und Gestaltung einzufordern, sondern um sie auch möglich zu machen.“

„Green Deal“ der EU als Chance für digitale Transformation

Paul F. Nemitz, Chefberater in der Generaldirektion Justiz und Verbraucher der Europäischen Kommission in Brüssel, der als leitender Direktor für die Reform der EU-Datenschutzgesetzgebung DSGVO für eine wichtige „digitale Leitplanke“ in Europa gesorgt hatte, teilte die Einschätzung des Wissens-Defizits. Der WBGU-Ansatz, Digitalisierung und Nachhaltigkeit zusammenzuführen, fand er „revolutionär“, auch weil es die unbegrenzte Wachtsumsphantasie der kalifornischen Digital-Giganten wissenschaftlich präzise in Frage stelle. Das WBGU-Gutachten könne „noch vielen die Augen öffnen“. In der europäischen Politik gelte nun, mit dem Start der neuen Kommission die beiden Politik-Ebenen „Green Deal“ und „Digitale Transformation“ zu verschränken.

Das Hauptproblem wird erkennbar in der Fokussierung liegen, nachdem die digitalen Technologien den Forschern immense Möglichkeiten zur Datensammlung und Wissensgenerierung in die Hand gegeben haben. Es sei großartig, nun überall Sensoren in Flüsse und Landschaften zu platzieren, um den Zustand der Umwelt in Echtzeit abzubilden, fand Meeresökologin Antje Boetius. Mit diesen Daten lasse sich ein „digitaler Zwilling“ des Planeten produzieren, den etwa die Klimaforscher für ihre Simulationen der Erderwärmung bereits nutzen.

Mehr denn je sei es aber auch für Naturwissenschaftler nötig, die gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitaltechniken im Blick zu haben, merkte Uwe Schneidewind vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie als Beiratsmitglied an. Wenn die sensorgestützte Überwachung der Umwelt auch auf den Menschen ausgedehnt werde, entstehe eine andere Gesellschaft.

„Digital Sustainability made in Germany“ als Markenzeichen

Die Verbindung zu einer „Digital Sustainability made in Germany“ könnte sogar zu einem neuen wirtschaftlichen Slogan werden, meinte Daniela Jacob, Direktorin des Climate Service Center Germany (GERICS) und Mitautorin des letzten Weltklimaberichts. Die Informatikerin Ina Schieferdecker, die bis vor wenigen Monaten am Berliner Fraunhofer Institut FOKUS wirkte und dem WBGU angehörte, ließ in ihrer neuen Funktion als Abteilungsleiterin im BMBF durchblicken, dass daran bereits gearbeitet werde. „Unser Haus hat mit einem Grünen IKT-Programm begonnen“, so Schieferdecker. In den kommenden drei Jahren würden vier Mal so viel Mittel wie bisher zur Erforschung von ressourcensparenden Lösungen eingesetzt.

BMBF-Staatssekretär Thomas Rachel konkretisierte dies in den Konferenz mit der Ankündigung des Aktionsplans „Natürlich.Digital.Nachhaltig“. Es müssten auch die Risiken der Digitalisierung benannt werden, so Rachel. „So muss zum Beispiel ihr ‚Stromhunger‘ dringend begrenzt werden – damit mehr Digitalisierung nicht mehr Klimawandel bedeutet“. Hier wolle das neue Programm „ein starkes Zeichen“ setzen.

Aktionsplan thematisiert auch Risiken

In dem neuen Aktionsplan „Natürlich.Digital.Nachhaltig“ werden erstmals alle Projekte des Ministeriums auf ihre digitale Nachaltigkeit abgeklopft, gebündelt und teilweise weiter entwickelt. Der Aktionsplan umfasst die drei großen Bereiche Bildung, Forschung und Anwendung. Die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) soll verstärkt werden. Höhepunkt ist die UNESCO-Konferenz zu diesem Thema im Sommer 2020 in Berlin. Auch in der Berufsbildung sowie mit der Nationalen Weiterbildungsstrategie in der Erwachsenenbidung soll mehr Nachhaltigkeitswissen verbreitet werden. Im Bereich der Sicherheitstechnik wird 2021 die Forschungsinitiative „Resilienz digitaler Systeme“ starten, um digitale Infrastrukturen gegen Störungen und Angriffe zu wappnen. Im gleichen Jahr beginnt ein neues „Forschungsprogramm für interaktive Technologien“, das die Nutzerfreundlichkeit erhöhen soll.

In der Forschung soll ab Herbst 2020 die Förderung der ersten Konsortien der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) starten, die eine bessere und breitere Nutzung der bei Forschungsprojekten gesammelten Daten ermöglichen soll. Starke Impulse soll es im Bereich der Batterieforschung geben. Neben der Forschungsfabrik in Münster für Auto-Batteriezellen will das BMBF mit der „Initiative Batterie 2020“ im kommenden Jahr die Entwicklung wieder aufladbarer elektrochemischer Energiespeicher entlang der gesamten Wertschöpfungskette fördern. Im Bereich sozialer Innovationen wird 2020 die Fördermaßnahme „Digitalisierung sozialökologisch gestalten – Wirtschaft und Gesellschaft mithilfe der Digitalisierung nachhaltiger machen“ gestartet. Für die Kommunen wird die Fördermaßnahme „Wasser-Extremereignisse“ aufgelegt. Für 2021 ist eine zusätzliche Förderinitiative zur Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz und zum nachhaltigen Wirtschaften in der Produktion geplant.

An der Schnittstelle zwischen Ökologie und Informatik könnte das Berliner Weizenbaum-Institut, das sich mit den Wechselwirkungen von Internet und Gesellschaft wissenschaftlich beschäftigt, neue Akzente setzen. Weizenbaum-Vizedirektor Sascha Friesike übernahm in der Konferenz symbolisch den „Staffelstab“ für die Forschung an den vom WBGU angestossenen Themen. Sein Institut sei darauf angelegt, Brücken zu bauen, sagte Friesike: „Die Digitalisierung der Nachhaltigkeit ist eine solche Brücke“.

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