Kampf um die Klimazukunft – Wie Proteste zur Bewegung werden

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(cooppa, Ilse Kleinschuster, 09.04.2019) Junge Menschen, Schüler und Studenten, inspiriert von der Aktivistin Greta Thunberg, versuchen seit einigen Wochen ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Bald nach Beginn der Klimastreiks der Schülerinnen und Schüler Fridays for Future haben sich nicht nur Menschen aus dem Bereich der Wissenschaft, der Elternschaft sondern auch viele aus diversen Initiativen und Organisationen mit ihnen solidarisch erklärt und sind mit ihnen gemeinsam auf die Straße gegangen, um radikale und schnelle Maßnahmen von der Regierung zu fordern.

Warum, so fragen sich aber immer noch viele, sollten wir uns für die Rettung der Welt erwärmen? Wir lassen uns nicht von Klima-Katastrophen-Berichterstattern Angst machen!

Der deutsche Klimaforscher Stefan Rahmstorf, einer der weltweit führenden Ozeanografen und eine Leitfigur der Unterzeichner von KLIMAPROTEST! führt nicht Angst, sondern Pflicht ins Treffen. „Millionen Menschen leiden schon heute unter dem Klimawandel durch Überflutungen, Dürren und Ernteausfälle, Hitzewellen mit vielen Todesopfern, stärkere Tropenstürme und heftige Waldbrände. Diese Dinge nehmen durch die globale Erwärmung zu, das ist gut belegt“, sagt Rahmstorf zur Wiener Zeitung. „Es ist also unsere Pflicht gegenüber der Öffentlichkeit, vor den Folgen der globalen Erwärmung zu warnen, genauso wie Lungenärzte vor den Folgen des Rauchens warnen.“ Solange also Umweltschutzgesetze von einer Regierung nicht verteidigt werden – in manchem Fall sogar angegriffen werden – ist gemeinsamer Protest notwendig.

Bürgerinnen und Bürger, die sich aktiv in Sachen Klima- und Umweltschutz engagieren, wünschen sich schon lange weltweit koordinierte Lösungsansätze und verlangen daher nach globalen Institutionen, Strukturen und Maßnahmen. Leider sind aber die Vereinten Nationen heute nicht mehr so entscheidungsfähig wie etwa 1987 als im Protokoll von Montreal die Emission von Ozon-zerstörenden Fluorchlorkohlenwasserstoffen stark vermindert werden konnte und infolge auch Lösungen realisiert wurden.

In der Klimafrage stehen die Dinge grundlegend anders. Heute – nach der industriellen Revolution, gebaut auf den fossilen Energieträgern – behindert die Logik des exponentiellen Wachstumzwangs eine umfassende Lösung. Es erscheint zwar immer mehr Menschen ein weltweiter Systemwechsel als unabdingbar, aber gleichzeitig immer mehr in weite Ferne gerückt, wenn nicht überhaupt unvorstellbar. Daher ist die Kraft der Selbstorganisation angesagt. So gibt jetzt ein kleines, aber sehr aktives Netzwerk – SystemChange – not ClimateChange! – vielen wieder Hoffnung! Nur, so fürchte ich, Hoffnung allein wird nicht genügen, vor allem nicht, wenn man Hilfe von oben erwartet – und so ist z.B. mein Hoffen auf rasche Lösung aufgrund der OECD-Initiative Beyond GDP schnell an seine Grenzen gestoßen. Geopolitische Entwicklungen lassen eine Rückkehr zu Unipolarität, eine Reform des UNO-Systems, aussichtslos erscheinen. Wir täten (als Europäer!) also gut daran eine wertebasierte Ordnung für das 21. Jahrhundert mitzugestalten (so auch Werner Kogler als österreichischer Spitzenkandidat der GRÜNEN für die EU-Wahl beim Europadialog).

„Noch ist es nicht zu spät“

Es ist schon viel Wesentliches in Bewegung – eher doch in Nischen, in Gemeinden und Regionen, die sich über das ganze Land verstreut befinden. So war es also für mich als Wienerin an diesem verregneten 5. April eine freudige Überraschung wieviel Menschen sich zu diesem Klimaprotest eingefunden haben.

Ich, als Wienerin, als Österreicherin, was kann ich dazu tun?

Nachdem ich mich jetzt jahrelang – seit meiner Pensionierung – im Kreis einiger sehr engagierter, initiativer und innovativer BürgerInnen bewege und versuche ihre Konzepte und Projekt zu kommunizieren, habe ich erfahren wie wichtig es ist ein überschaubares Netzwerk zu haben, ein Netzwerk innerhalb dessen ich mich wohl fühle, weil das gemeinsame Ziel meiner intrinsischen Wertehaltung entspricht.

Aber auch von anderen außerparlamentarischen Organisationen konnte ich viel lernen. Jahrelang habe ich die Vorlesungen Mut zur Nachhaltigkeit besucht, eine Vortragsreihe, in deren Rahmen sich Expertinnen und Experten aktuellen Herausforderungen widmen und innovative Wege und Möglichkeiten einer nachhaltigen Transformation der Gesellschaft erörtern. Das geschieht im Dialog zwischen WissenschaftlerInnen und VertreterInnen der Praxis sowie in Diskussion mit dem Publikum.

Auch an der Wirtschaftsuniversität hab‘ ich als engagierte Bürgerin an vielen Veranstaltungen teilgenommen, damals gab es dort noch das Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeit, geleitet von Fred Luks, der jetzt, nachdem dieses Zentrum in dieser offenen Form wohl aufgelassen worden ist, als Autor und Blogger über den „Ausnahmezustand“ dieser Welt schreibt.

Ja, und dann gab’s da die Brown Bag-Veranstaltungen im SERI, wo Fritz Hinterberger immer wieder kompetente Leute zum nachhaltigen Dialog eingeladen hat!

Will man wirklich etwas bewegen, ist die Bewegung wesentlich – das wandelbare Netzwerk!

Das Klimawandel-Forschungszentrum Österreich (CCCA), ein Netzwerk von über 20 Klimaforschungseinrichtungen, versucht seit 2010 die nationale und internationale Sichtbarkeit der Klimaforschung zu heben, um ihr so mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu schenken. Man kann heute sagen – mit Erfolg. Dabei steht wohl starkes Betreiben vonseiten der Hochschule für Bodenkultur dahinter. So gibt es auch dort ein Zentrum für Nachhaltige Entwicklung und eine Vorlesungsreihe, die Mut zur Nachhaltigkeit machen soll (initiiert von Frau Prof. Helga Kromp-Kolb, Wissenschafterin des Jahres 2005 und mehrfach ausgezeichnete, emeritierte Leiterin des Klimaforschungsinstituts) – ihre Warnung ist in ihrer Abschiedsvorlesung festgehalten – Innerhalb der ökologischen Grenzen gut leben.

In einem Klima von erregter Aufbruchstimmung und mithilfe digitaler Plattformen ist es nun gelungen immer mehr Initiativen und Organisationen zu gemeinsamen Treffen zusammenzubringen, Aktionsräume zu schaffen, in denen Soziale Netzwerke sich zivilgesellschaftlich organisieren. Von dort „unten“ senden sie ihre konzeptuellen Lösungs-Vorschläge und Petitionen – wie z.B. jetzt für einen ökologischen Steuerumbau – „hinauf“, an die Regierung. Ihre Wege mögen sich voneinander unterscheiden, doch ihr Ziel ist letztlich durch eine gemeinsame Wertehaltung markiert: Nachhaltige Entwicklung – ein Wirtschaften im Sinne eines Aufbruchs innerhalb der ökologischen Grenzen. Viele ihrer Alternativen werden allerdings noch immer nicht im Sinne einer wirklich nachhaltigen Entwicklung vorgeschlagen. Offenbar ist es sehr schwer, wenn man als Mensch, der sich um die Problematik der zunehmenden Klimaveränderungen, des Bodenverbrauchs und der Ressourcenknappheit Gedanken macht, in seiner Kritik auch gleich mit konstruktiven Vorschlägen kommen will.

Herbst 2017 in der Wiener Innenstadt: SDG Watch Austria goes public (© Nina Oberleitner / ÖKOBÜRO)

Gott – der menschlichen Vernunft – sei Dank, „um die Welt zu verändern“, haben wir ja jetzt die SDG-watch – eine zivilgesellschaftliche Plattform für die Verwirklichung der UN-Ziele für Nachhaltige Entwicklung (SDGs). Derzeit hat SDG Watch Austria mehr als 150 Mitgliedsorganisationen.

Woran liegt das Versagen einer spürbaren Veränderung des Systems?

Es liegt dieses Versagen beim breiter koordinierten Umsetzen gemeinwohlorientierter Lösungsvorschläge – so meinen viele – das liegt vor allem aber auch an unseren demokratisch-dysfunktionalen Strukturen. Primäre Ursachen dafür sehen sie jedoch in einem herrschenden, global ausufernden Geld- und Finanzsystem  und sie wollen gemeinsam für eine zukunftsfähige Finanz- und Wirtschaftsordnung wirken. Ich frage mich nur, sollten „gute“ Politiker mithilfe von Wirtschaftsexperten dies nicht ausgleichen können – sollten sie nicht endlich Standard /Lebenswert vor Standort setzen?

Vielleicht ist es eben jetzt gerade das Fehlen an „guter“ Politik, dass „unser“ zivilgesellschaftliches Bemühen um Verbesserungs-/Lösungsvorschläge (der herrschenden Verhältnisse, der „Imperialen Lebensweise“)  so verstärkt – vielleicht ist es das Versagen an ethischer Haltung, was die Jugend auf die Straße – vielleicht bald auch bei uns auf die Barrikaden – treibt.

Vorstellbar für viele – so glaube ich – wird es jetzt, dass es einer neuen Bewegung, einer starken Allianz von kleinen Parteien gelingen kann, eine Politik zu machen, die wieder zu einer offenen, wirtschaftlichen Umverteilungspolitik zurückkehrt, zu einer Politik, in der nicht die Würde des Menschen verletzt und nicht die Grenzen unseres Planeten „ERDE“ gesprengt werden.

Beitragsbild: © Fridays for Future Austria

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