Grenzen der Geduld

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Pressekonferenz am 22. Mai in Wien, betreffend Ist-Zustand, Auswege und Betroffenheit bei aktuellen Klimaveränderungen.

(cooppa, 24.05.2019, Aurelia Jurtschitsch) Die vom Austrian Chapter des Club of Rome mit mehreren Partnern veranstaltete Pressekonferenz „Grenzen der Geduld“ fand in Anlehnung an den aufrüttelnden Denkanstoß „Grenzen des Wachstums“* statt und in Anspielung an die Bitte der scheidenden Bundesregierung an die österreichische Bevölkerung „um etwas Geduld“ bezüglich einer Ökologisierung des Steuersystems. Und das, obwohl Österreich anlässlich der Klimakonferenz in Kattowitz eine Initiative für mehr Ambition in der Klimapolitik ins Leben gerufen hat, der sich 20 Staats- und Regierungschefs angeschlossen haben. So what?! – Es muss an allen Strängen gezogen werden, wie z.B. am Podium veranschaulicht wurde: Durch wissenschaftliche Berechnungen, durch Empfehlungen bzw. Druck gegenüber Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft, durch ambitionierte Medien bei der Aufklärung der Bevölkerung und nicht zuletzt, da besonders breitenwirksam, Demonstrationen und emotionalisierende öffentliche (friedliche Stör-)Aktionen.

Appelle aus allen Richtungen

Fritz Hinterberger, Geschäftsführer des SERI (Sustainable Europe Research Institute, Nachhaltigkeitsforschungs und -kommunikations GmbH), zeigte anhand der aktuellen Studie des Instituts für den Klimafonds meetPASS (meeting the Paris Agreement) stabilisierende Maßnahmen für die Zukunft auf, die aufgrund des CO2-Budgets zur Einhaltung des 1,5 Grad Zieles notwengig sind. Vier Knotenpunkte stehen zur Lösung an, nämlich Energie-, Ressourcen-, Ernährungs- und Lebensstil-Wende; mit der Gebrauchsanweisung: ab sofort und in hoher Dosis anwendbar. Die Querdenkerplattform Wien-Europa wurde durch Karl Aiginger vertreten, der mit seinem Statement sowohl auf die inkonsequenten und daher unbefriedigenden politischen Verhältnisse in Österreich und in der EU einging, als auch auf die warnenden oder wegweisenden wissenschaftlichen Studien verwies und auf das Erwachen der Jugend und jungen Menschen hierzulande und weltweit, Stichwort Fridays for Future, die sich angesichts der breiten Ignoranz der Problematik um ihre Zukunft bedroht fühlen und nun vehement ihre Forderungen kundgeben.

Donna Engel ist eine Vertreterin dieser jungen Menschen. Die Musikerin und Mitglied der Bewegung Extinction Rebellion fragt sich und die Zuhörer, ob sie in Zukunft noch unbeschwert ihrer eigentlichen Passion singend und komponierend folgen können wird, wenn die versprochenen Klimaziele nicht eingehalten werden und durchaus vorhersehbare dramatische Veränderungen oder Katastrophen hereinbrechen. Herbert Formayer wiederum, Vertreter der Scientists for Future, brachte die brandneue Analyse der akzelerierenden Extremwetter-Ereignisse mit, die sich konkret auf Deutschland und Österreich 2018 bezieht. Berichte über Hitze, Dürre und Überschwemmungen kennt inzwischen jeder und zwar immer öfter und dramatischer. Und die Statistik offenbart, dass die Zahl der Klimatoten inzwischen die Verkehrstoten übersteigt und zwar fast um das Doppelte.

Konkrete Forderungen

Wenn Donna Engel die Forderungen der Extinction Rebellions vorträgt, wirken sie einerseits noch sehr allgemein und doch auch konkret. Etwa die Anerkennung der Wahrheit über die Bedrohung durch eine ökologische Krise aufgrund von Klimakatastrophen. Weiters werden rechtlich bindende Maßnahmen zur Rettung der Ökosysteme und Reduzierung der Treibhausgasemissionen eingefordert. Darüber hinaus aber auch Kontrolle durch unabhängige Bürger*innenversammlungen.

Da ist SERI mit meetPASS wesentlich direkter, muss es auch sein. – 1. Zur Komplettumwandlung des Energiesystems bedarf es einer Anhebung des jetzigen CO2-Preises von 11 EUR/Tonne (ETS) auf mindestens 200 – 240 EUR/t, um den Emissionshandel einigermaßen fair und effektiv zu gestalten. Es bedarf eines Ausbaus der erneuerbaren Energieerzeugung, wobau 100 % erneuerbarer Strom bis 2050 das Ziel ist, gleichzeitig Förderung der E-Mobilität und öffentliche Verkehrsinfrastruktur. – 2. Aus der Ressourcen-Debatte kennt man die Trias reduce – reuse – recycle, dies ist zu forcieren und der Materialverbrauch zu halbieren, durchaus auch im Sinne einer Kreislaufwirtschaft. Angedacht ist auch eine Ressourcensteuer (upstream tax) auf Metalle und Mineralien. – 3. Den Kalamitäten um unsere Nahrungsmittelproduktion** und -Verbrauch bis -Verschwendung soll und kann nur durch eine Ernährungswende begegnet werden: Reduktion der Lebensmittelabfälle, Reduktion des Fleischkonsums, Umstieg auf agro-ökologische Anbau- und Tierhaltungsmethoden. – 4. Eine Lebensstil-Wende bezieht sich auf politische Maßnahmenpakete, die letztlich auch den privaten Haushalten einen Umstieg auf mehr klimaschonende Lebensweise ermöglichen. Vorgeschlagen wird auch eine generelle Konsumreduktion in industrialisierten Ländern um 20 Prozent. Auch die Reduktion der Arbeitszeit auf 32 Wochenstunden gehört in diesen Bereich. meetPASS listet auch diverse positive Effekte für die Wirtschaft auf, etwa durch Investitionen in den Klimaschutz. Ebenso auf der Beschäftigungsebene. Als Anreize, „förderliche Forderungen“, soll jede/r ÖsterreicherIn 200 EUR/Jahr zur leichteren finanziellen Abdeckung etwaiger Mehrkosten durch klimafreundlichen Konsum erhalten. Allgemein werden Investitionen von 2- 5 Milliarden Euro pro Jahr für Gebäudesanierung, Dekarbonisierung des Verkehrs, 100 % erneuerbare Stromerzeugung und Beratungsprogramme für Ressourceneinsparung bis auf weiteres nötig sein, um sämtliche wesentlichen Prozesse in Gang zu bringen.

Versäumte Chancen

Der Wirtschaftsforscher Karl Aiginger macht kein Hehl aus den aktuellen Versäumnissen bzw. Unterlassungen in Politik und Wirtschaft, weist aber umso eindringlicher auf die Chancen und Vorteile hin, die Klimaschutz bringt, wobei auch besonderes Augenmerk der sozialen Gerechtigkeit geschenkt werden muss. Er blickt über den heimischen Tellerrand hinaus, wenn er auf EU-Ebene fordert, dass sich das EU-Parlament (nach den Wahlen) dazu bekennt, dass der Klimawandel real ist und es sich zur Aufgabe macht, Vorreiter zu sein in der Bewältigung. Dies durchaus aus der schlichten Logik, dass Vorsorgen einfacher und billiger ist, als zu reparieren oder Katastrophen und daraus entstehendes Leid der Betroffenen einzudämmen. Für internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit spricht auch, dass durch stärkere Nachfrage generell auch Preise gesenkt werden können. Am Beispiel der Mobilität kann es sich nur um ein Ende des Verbrennungsmotors handeln und Aiginger will auch in Bezug auf das Elektroauto darauf hinweisen, dass es zwar nach wie vor in der Anschaffung wohl teurer ist, aber im Betrieb und bei Reparaturen billiger als Benziner. Impliziert soll wohl auch eine lange Nutzungsdauer sein. Auch dies kann nur international, wenn nicht global gelöst werden: die Besteuerung des Treibstoffes von Flugzeugen und Schiffen, was derzeit zu enormen u.v.a. klimaschädigenden Transportmittel-Preisverzerrungen führt.

Klima und Wetter sind untrennbar, daher von besonderer Relevanz, was Meteorologen und Klimaforscher zu melden haben. Insofern erläutert das Paper der Scientists for Future, dass es nicht nur um Erwärmung geht. Dass Dürren in Mitteleuropa und Überschemmungen in anderen Teilen der Welt kein Widerspruch, sondern Effekte des gleichen Phänomens sind. Die Sache, sprich die Veränderung des Verhaltens von Starkwindbändern, spielt sich in Strömungslagen in 10 Kilometern Höhe ab. Im Sommer 2018 lagen diese Strömungsbahnen über lange Zeit fast stationär; dieser außergewöhnliche Zustand führte weltweit zu extremen Wetterereignissen mit vielen Toten und Schäden in Milliardenhöhe. Herbert Formayer von den Scientists for Future prognostiziert weiters, dass die heimische Wetterlage in Zukunft dazu tendieren wird, länger das gleiche Wetter in einer Region zu haben, also länger anhaltendes Schönwetter bis Hitze, aber auch längere „verzogene“ Tage mit Kühle und Regen wie etwa der aktuelle Mai. Beides macht anfälliger für Katastrophen. Betont wird von Herbert Formayer auch, dass die Scientists for Future bewusst angetreten sind, die junge Generation mit Fakten und Zusammenhängen der Datenlage zu unterstützen. Nicht zuletzt im Hinblick auf die am 24. Mai geplanten zweiten weltweite Streiks/Demonstration der Bewegung Fridays for Future.

PS: Die Sprache hat verschiedene Verb-Formen bezüglich der Zeit, Vergangenheit, Gegewart und Zukunft: ich habe getan, ich tat, ich tue, ich werde tun. Es gibt auch diese Verklausulierungen à la: ich kann/könnte, soll/sollte, darf, muss/müsste, will/würde tun. Und es gibt die Befehlsform: Tu! – Vielleicht muss jeder sein eigener Klimaschutzbeauftragter werden, damit er/sie nicht später eingestehen muss: ich hätte tun sollen oder hätte ich nur getan.

*) Dennis Meadows et al, 1972, im Auftrag des damals erst frisch gegründeten Club of Rome (1968)
**) Manchmal macht es wirklich Sinn, nicht das Wort Lebensmittel zu verwenden.

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