Experimentierräume für eine andere Mobilität

Grüne fordern im Deutschen Bundestag neue Forschungsansätze

(cooppa, Manfred Ronzheimer, 24.10.2018) Zu neuen Verkehrstechnologien wird viel geforscht in Deutschland, ob digital gesteuerte Roboterautos oder umweltfreundliche Antriebstechnologien. Unterentwickelt sind aus Sicht der grünen Bundestagsfraktion dagegen wissenschaftliche Ansätze, die innovative Mobilitätslösungen schnell in die Anwendung bringen. Daher hat die Oppositionsfraktion Mitte Oktober einen Antrag mit dem Titel „Mobilitätsforschung neu denken“ in den Bundestag eingebracht. Ziel ist es, „Experimentierräume für Stadt und Land“ zu schaffen, in denen zusammen mit der Bevölkerung ein ökologisch und sozial verträglicher Verkehr praktisch erprobt werden kann.

Anna Christmann, grüner Bundestagsneuling aus Stuttgart, hat den Antrag zusammen mit ihrem Fraktionskollegen Stefan Gelbhaar auf den Weg gebracht. Ihr dauert es zu lange, bis wichtige Ergebnisse der Mobilitätsforschung den Bürgern zugute kommen. „Es hapert am zügigen Erkenntnis- und Technologietransfer in die Praxis“, sagt die für Forschungspolitik zuständige Abgeordnete. „Damit die Menschen möglichst schnell von Innovationen profitieren, müssen innovative Mobilitätskonzepte schneller aus dem Labor auf Straße, Schiene und Radweg gelangen.“

Verkehrsreallabore

Um hier mehr Tempo zu machen, scheinen den Grünen besondere „Experimentierräume“ geeignet, die unter dem Begriff „Reallabore“ schon vereinzelt Einzug in die Wissenschaft gehalten haben. Das Land Baden-Württemberg hat dazu ein eigenes Förderprogramm aufgelegt. Reallabore zeichnen sich durch eine enge Kooperation von Politik und Verwaltung mit Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft aus, um Forschungsansätze direkt zur Anwendung zu bringen und unbürokratisch weiterzuentwickeln. Themen sind unter anderem kommunale Energiekonzepte, gemeinwirtschaftliche Sharing-Modelle oder regionale Lebensmittelversorgung.

Der Handlungsdruck für einen anderen urbanen Verkehr wird immer größer. „Trotz Dieselskandals und drohender Fahrverbote hat es die Bundesregierung in den letzten Jahren versäumt, durch deutliche Innovationsanreize saubere Mobilität für unsere Städte voranzutreiben“, schreiben die Grünen in ihrem Antrag. Konkret fordern sie darin, fünf „groß angelegte Experimentierräume“ in Städten oder Regionen einzurichten. Sie sollen mit jeweils bis zu 75 Mio. Euro aus dem Bundesetat gefördert werden, „um dort ganzheitliche und substantielle Veränderungen im Sinne einer umwelt- und klimagerechten Verkehrswende zu ermöglichen“.

Weiter erklärt Anna Christmann zu ihrer Parlamentsinitiative:

„Die Bundesregierung hat die Herausforderung der sauberen Luft für unsere Städte viel zu lange vernachlässigt. Die Forschung hat längst Ideen entwickelt, die die Mobilität in Stadt und Land besser und ökologischer machen können. Die Politik ist aber zu langsam, ihre Umsetzung zu fördern. Die Bundesregierung muss ihr eigenes Schlagwort der Experimentierräume endlich mit Leben füllen. Wir sind ein hervorragender Forschungsstandort, aber der Transfer in Praxis muss schneller werden. Der Handlungsdruck bei der Mobilität der Zukunft ist so groß, dass eine schnelle Initiative der Bundesregierung überfällig wäre.“

Stefan Gelbhaar, Sprecher für städtische Mobilität und Radverkehr der Bundestagsfraktion Bündnis’90/Die Grünen, ergänzt:

„Viele Kommunen wollen die Mobilität der Zukunft auf die Straße bringen und sind bereit voran zu gehen. Die nötigen finanziellen Ressourcen können die Gemeinden vielfach nicht allein aufbringen. Dabei geht es auch, aber eben nicht nur um die Kosten von Fahrkarten. Die Bundesregierung ist aufgefordert, Projekte vernetzter Mobilität, neue Sharing-Dienste oder innovative Wirtschaftsverkehre für die letzte Meile konsequent zu ermöglichen. Bislang verteilt die Bundesregierung planlos Fördermittel nach einem intransparenten Verfahren. Mehr Transparenz gebietet sich daher auch bei der Auswahl von möglichen Modellstädten – anders als dies etwa bei den bisherigen fünf Städten der Fall war.“

Andere Rahmenbedingungen ändern das Verkehrsverhalten

„Die dringend benötigte Verkehrswende fällt nicht vom Himmel“, sagt auch Weert Canzler. Der Politikwissenschaftler arbeitet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) mit dem Schwerpunkt Energie- und Verkehrswende. Von ihm ist im Frühjahr das Buch „Taumelnde Giganten: Gelingt der Autoindustrie die Neuerfindung?“ erschienen. „Es müssen die Rahmenbedingungen stimmen und für verändertes Verkehrsverhalten tatsächliche Vorteile eingeräumt werden“, hebt der Mobilitätsexperte hervor. Dazu gehöre beispielsweise eine Bevorzugung von gemeinschaftlich genutzten E-Fahrzeugen im öffentlichen Raum und sichere Fahrradwege. „Man wird die notwendigen Änderungen der Rahmenbedingungen nicht sofort und umfassend erreichen“, meint Canzler. Der Anfang könne durchaus in so genannten „Realexperimenten“ gemacht werden. „Dort kann gezeigt werden, was ‚geht‘, wenn man denn ‚dürfte‘.“ So könnten nach Einschätzung des WZB-Forschers „aus Experimentierräumen konkrete Utopien für den Verkehr von morgen entstehen.“

Erfahrungen in Baden-Württemberg

In Stuttgart hat das „Reallabor für nachhaltige Mobilitäts­kultur“ in den letzten Jahren bereits einschlägige Erfahrungen sammeln können. Eines der Projekte trägt den Namen „Parklets für Stuttgart“ Ziel ist, den von Autoblech zugestellten Straßenraum wieder für Fußgänger und spielende Kinder zu erobern. In der Beschreibung des Projekts heißt es:

„Ein Parklet ist eine Erweiterung des Fußwegs durch die Umnutzung von Auto-Stellplätzen als öffentlichen Raum. Dabei kann es um einen einzigen Stellplatz, aber auch um eine ganze Straßenzeile gehen. Im Realexperiment werden verschiedene Nutzungstypen ausprobiert: ein Parklet mit einer Lastenrad-Garage, eines als offene Werkstatt, eines mit Beeten und Bänken, mit Bücherregalen oder einer FairTeiler-Box. Gemeinsam experimentieren Studierende mit „Paten“ wie benachbarten Bürgervereinen, oder Geschäften, die durch die Pflege „ihres“ Parklets Verantwortung für ihr kleines Stück öffentlichen Raum übernehmen. Durch Beobachtungen und Befragungen wird die Auswirkung der Installationen auf die Qualität der Straßen- und Stadträume und des sozialen Miteinanders untersucht. Konzepte, die besonders gut funktionieren, könnten zu einer ständigen Veränderung vor Ort und einer Übertragung auf andere Stellen führen.“

Ihre Erfahrungen teilen die Stuttgarter Verkehrspioniere gerne mit anderen Kommunen. „Cities for Mobility“ ist ein globales Städtenetzwerk für urbane Verkehrsfragen. Unter der Koordination der Landeshauptstadt Stuttgart fördert es die transnationale Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltungen, Verkehrsbetrieben, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, um den Aufbau nachhaltiger, effizienter und zukunftsfähiger Verkehrssysteme in den Mitgliedstädten voranzutreiben. Das breit angelegte Themenspektrum reicht von der Förderung des Fahrrads als öffentliches Verkehrsmittel bis zur Nutzung neuer Antriebsmöglichkeiten zur Reduzierung von Emissionen.

Testfeld Autonomes Fahren Baden-Württemberg

Ein weiteres Reallabor für Mobilitätskonzepte ist das „Testfeld Autonomes Fahren Baden-Württemberg“. Es soll die Entwicklung zukunftsorientierter Lösungen für Individualverkehr und Öffentlichen Personennahverkehr fördern. Firmen und Forschungseinrichtungen können hier ihre Technologien und Dienstleistungen rund um das vernetzte und automatisierte Fahren erproben – und zwar im Alltagsverkehr mit automatisierten Autos, Bussen oder Nutzfahrzeugen wie Straßenreinigung oder Zustelldiensten.

Das im Mai 2018 in Betrieb genommene Testfeld umfasst im Unterschied zu anderen Projekten in Deutschland alle Arten von öffentlichen Straßen: Autobahnabschnitte, Landes- und Bundesstraßen, innerstädtische Routen mit Rad-, Fußgänger- und Straßenbahnverkehr ebenso Tempo-30-Zonen, Wohngebiete und Parkhäuser. Die Testfeldstrecken befinden sich zwischen Karlsruhe, Bruchsal und Heilbronn. Betrieben wird das Testfeld vom Karlsruher Verkehrsverbund. Der KVV nutzt das Testfeld auch selbst, um neue Formen des öffentlichen Personennahverkehrs zu erproben – zum Beispiel autonom fahrende Mini-Busse.

Bilanz der Reallabore

Ergebnisse und Erfahrungen aus über 3 Jahren Reallabor-Forschung in Baden-Württemberg standen am 27. April 2018 im Mittelpunkt einer Veranstaltung in Karlsruhe. Dort wurde das Erreichte gefeiert und gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein Blick in die Zukunft unserer Reallabore gewagt.

Weitere Beispiele zur Verekehrswende aus der Forschung und aus der Praxis:

E-Liefermoped Tripl: Halb Cargobike, halb Moped: Das dänische E-Lastenmoped Tripl soll Pakete umweltfreundlich an die Haustüre liefern. In Hamburg kommt es bereits zum Einsatz – erfolgreich, aber nicht ganz ohne Probleme.
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Erster Paketshop für mehrere Kurierdienste in Hamburg eröffnet: Die Fahrzeuge von Kurierdiensten verstopfen innerstädtische Straßen. Der bundesweit erste Multi-Label-Paketshop soll in Hamburg nun Entlastung bringen.
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Das Geisterrad von Magdeburg: Forscher entwickeln in Magdeburg ein autonomes Fahrrad. Es soll ab 2020 vor allem Menschen am Stadtrand helfen, die auf ein eigenes Auto verzichten wollen.
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Ein Bus ohne Fahrer: Der Bus Olli hat kein Lenkrad, braucht kein Benzin und vor allem keinen Fahrer. Sieht so die Zukunft des autonomen Fahrens im öffentlichen Nahverkehr in unseren Städten aus?
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Gemeinsam genutzte Elektroautos als komfortable Alternative in der Stadt: Das eigene Auto aufgeben und stattdessen den PKW mit anderen teilen? Carsharing liegt im Trend der Zeit. Um aber diese Fahrzeugflotten elektrisch zu betreiben, sind Ladezeiten zu verkürzen und Buchungsvorgänge zu vereinfachen. Das unkomplizierte Auffinden des geeignetsten Elektroautos gehört ebenso dazu wie eine flächendeckende Ladeinfrastruktur. Sechs Fraunhofer-Institute zeigen am 22. Oktober auf der eCarTec in München Technologien, mit denen E-Carsharing praktikabel wird.
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