Essen wird politisch

Die neue Berliner Ernährungsstrategie wird von der Zivilgesellschaft mitformuliert

(cooppa, Manfred Ronzheimer, 16.04.2018) Wenn’s ums Essen geht, war Berlin schon immer innovativ. Currywurst und Döner Kebap wurden an der Spree kreiiert, auch für neue Food-Trends wie vegane Ernährung und Street-Food gilt Berlin als die Hauptstadt. Die neueste Innovation auf dem Teller ist politisch: Angestoßen durch eine neue zivilgesellschaftliche Initiative, den Ernährungsrat, hat sich die Berliner Landesregierung, der Senat, auf den Weg gemacht, eine umfassende „Ernährungsstrategie“ zu entwickeln, die gesundes Essen und ökologische Landwirtschaft miteinander kombinieren will. Im Zentrum wird dabei ein „House of Food“ stehen, das in den nächsten zwei Jahren nach Kopenhagener Vorbild in Berlin entstehen soll, eine Premiere in Deutschland. Die Mittel dafür (700.000 Euro) wurden jetzt im neuen Doppelhaushalt 2018/19 des Landes Berlin bereit gestellt.

„Ernährungsdemokratie für Berlin“

Die Ernährungsräte sind ein junger Zweig der Umweltbewegung in Deutschland. Der Berliner Rat wurde als zweiter seiner Art, nach Köln, im Frühjahr 2016 gegründet. „Wir sind ein zivilgesellschaftlicher Zusammenhschluss von ernährungspolitisch engagierten Bürger*innen, die sich für die ökologisch nachhaltige, sozial gerechte Nahrungsproduktion und -verteilung im Raum Berlin einsetzen“, beschreibt Ratssprecherin Gundula Oertel das Selbstverständnis der Gruppe. Ziel sei es, „das Ernährungssystem der Stadt demokratisch und zukunftsfähig zu relokalisieren“. Ein dezidiert politischer Anspruch, der im vergangenen Herbst mit dem Forderungskatalog „Ernährungsdemokratie für Berlin“ konkretisiert wurde.

Die neun Ziele reichen vom Anbau mehr Bio-Lebensmitteln auf Brandenburgs Äckern, ihre Verarbeitung in der Stadt und den Absatz in Schulen und Kantinen: die „städtische Gemeinschaftsverpflegung“ soll vorbildhaft ausgebaut werden. Weitere Aktionspunkte sind der Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung, ein „Innovationscampus Ernährungswende“ für Food-Startups, mehr Salate im öffentlichen Grün („Die Essbare Stadt Berlin schaffen“) und ein Schub in der Ernährungsbildung. Die Stadtjugend solle mehr als bisher die Chance bekommen, „eigene praktische Erfahrungen mit Saat, Anbau und Ernte, beim Lebensmitteleinkauf, Essenszubereitung und gemeinschaftlichen Speisen zu machen“, heißt es im Forderungspapier.

Zu verschiedenen Themen haben sich im Berliner Ernährungsrat Projektgruppen gebildet, die bereits die nächsten Schritte geplant haben, z.B. zu:

  • LebensMittelPunkte mit Kiezküchen
  • Bildung geht durch den Magen
  • Gemeinschaftsverpflegung
  • Essbare Stadt: Neue Flächennutzungskonzepte
  • Stadt-Land-Beziehung Berlin-Brandenburg
  • Mitsprache in der Agrarpolitik – Berlin ist keine Insel
Umsetzung der Mailänder Food-Erklärung

Schon der Vorgänger-Senat hatte sich vage in diese Richtung orientiert. Nach den Unterzeichnung der „Mailand-Erklärung“ zur kommunalen Ernährungspolitik 2015 startete der damalige CDU-Justiz- und Verbraucherschutzsenator Thomas Heilmann die Imagekampagne „Wertewochen Lebensmittel“ und rief einen Beirat „Gutes Essen“ ins Leben, der aber über ein internes Kaffeekränzchen nicht hinauskam. Auf Intitiative des grünen Abgeordneten Turgut Altug fand das Thema Ernährungspolitik dann prominenten Eingang in die Koalitionsvereinbarung des rot-rot-grünen Senats. Dort heißt es: „Die Koalition wird den Anteil an Bio-Essen in Kindertagesstätten, Schulen, Kantinen, Mensen und beim Catering in öffentlichen Einrichtungen bis 2021 deutlich erhöhen. Nach dem Vorbild Kopenhagens wird in einem Modellprojekt mit Großküchen und Caterern gezeigt, wie der Anteil an Bio-Produkten, saisonalen und Frischzutaten durch Weiterbildung und Beratung weitgehend kostenneutral erhöht und wie Lebensmittelverschwendung und -verluste vermindert werden können. Um Wahlfreiheit zu gewährleisten sollen in Kantinen vegane, vegetarische und fleischhaltige Mahlzeiten angeboten werden.“

„House of Food“ will die Gemeinschaftsverpflegung nachhaltiger machen

Auf einer Konferenz im Oktober 2017 nahm der grüne Verbrauchersenator Behrendt die Strategievorschläge des Ernährungsrates entgegen und informierte sich über die dänischen Erfahrungen mit einem „House of Food“. Die Verabschiedung des Landesetats im Dezember stellte dann 200.000 Euro für die Entwicklung einer umfassenden Ernährungsstrategie für das Land und den Aufbau des Food-Hauses zur Verfügung. Laut Koalitionsvertrag soll nach dem Vorbild Kopenhagens in „einem Modellprojekt mit Großküchen und Caterern gezeigt werden, wie der Anteil an Bio-Produkten, saisonalen und Frischzutaten durch Weiterbildung und Beratung weitgehend kostenneutral erhöht und wie Lebensmittelverschwendung und -verluste vermindert“ werden können.

„Das House of Food soll kein Berliner Hipsterprojekt sein“, erklärt ein Sprecher der Verbraucherverwaltung. Das Motto des Kopenhagen House of Food ist: „Gutes Essen für alle“. Erreicht werden von dem Kopenhagener Vorbild Schulkinder, Rentner und Kranke. „Also insbesondere die Leute, die oft in Kantinen essen“, so der Behrendt-Sprecher. Dem House of Food gehe es nicht um einen reinen Austausch von Lebensmitteln, wie dem ausschließlichen Einkauf von Biokost, sondern um die Begleitung von Küchen im Umstellungsprozess. Dies geschehe „durch Beratung des Küchenpersonals etwa zu Lebensmittelverschwendung, regionalen und frischen Produkten, zur technischen Umrüstung und Ausstattung von Küchen und zu Kochrezepten“. Die Essenswende war in Kopenhagen unterm Schnitt nicht teurer als vorher. „Durch den Umstellungsprozess konnte die Erhöhung des Bioanteils und die Steigerung der Essensqualität ohne Mehrkosten im Vergleich zum früheren konventionellen Einkauf erreicht werden“, berichtete der Senatssprecher. Das Kopenhagener Modell solle „auf Berlin und die hiesigen Rahmenbedingungen, die es zu analysieren und auszuwerten gilt, übertragen werden“. Dazu gehöre auch die Findung eines geeigneten Namens – „House of Food“ gilt derzeit nur als Arbeitstitel.

Vorreiter in Deutschland

Der Buchautor Philipp Stierand, der das Modell der Ernährungsräte in Deutschland in die Debatte gebracht hatte, sieht die Bewegung für eine kommunale Ernährungspolitik erst am Anfang. Berlin sei mit seinem gemeinsamen Ansatz von Senat und Zivilgesellschaft „Vorreiter in Deutschland und hoffentlich Wegbereiter für andere Städte und Initiativen“. Für eine Beurteilung ist es dabei noch zu früh. „Der Acker der Berliner Ernährungspolitik wird gerade erst bestellt, bis zur Ernte (und dessen Beurteilung) wird es noch etwas dauern“, meint Stierand.

Als Besonderheit wertet er, dass sich der Berliner Ernährungsrat „bewusst als rein zivilgesellschaftliche Organisation gegründet“ habe, dessen Lobbyarbeit schon einige Impulse setzen konnte. Der Berliner Forderungskatalog zur Erährungspolitik zeige, so Stierand, „wie man mit Engagement gesellschaftliche Diskussion voranbringen kann und professionellen Think Tanks um Jahre voraus sein kann“. Das Land Berlin sei zudem das erste in Deutschland gewesen, in dem die Idee einer „holistischen Ernährungspolitik“ in politischen Papieren auftauchte und im Koalitionsvertrag festgeschrieben wurde. Allein das ist bei einem Politikbereich, der in Deutschland auf städtischer Ebene so vernachlässigt wird, ein Meilenstein“, urteilt Philipp Stierand. Die anvisierte Ernährungsstrategie könne sehr konkret Maßnahmen entwickeln, um die Lebensmittelversorgung zu verbessern. Der Auftakt sei hier gemacht. „Ich bin gespannt auf den weiteren Prozess“, sagt der Ernähnungsexperte. „Berlin könnte einer der ersten deutschen Städte werden, in der Ernährung ein Baustein für die Entwicklung einer lebenswerteren, ökologischeren und gesünderen Stadt wird.“

Berliner Erfolge sind quasi vorprogrammiert – weil es nur besser werden kann. Derzeit werden die 90.000 Essen, die wochentäglich in den Berliner Grundschulen ausgegeben werden, zu 40 Prozent aus biologisch angebauten Lebensmitteln zubereitet. Schon diese Menge muss von weiter her zugekauft werden, „da es in Brandenburg praktisch keine Betriebe gibt, die sich auf die Belieferung der öffentlichen Verpflegung spezialisiert haben“, hat der Brandenburger Landtagsabgeordnete Benjamin Raschke von den Grünen festgestellt. „Bisher ist unklar, wie Brandenburg diese Chance für mehr regionale landwirtschaftliche Wertschöpfung nutzen kann“, sagt Raschke.

Kooperation mit dem Brandenburger Umland entwickeln

Welche Schritte unternimmt der Berliner Senat in Richtung Land Brandenburg, um zu einer besseren Versorgung der Stadt mit regionalen Lebensmitteln zu kommen? Ein Sprecher der Verbraucherschutzverwaltung erklärt dazu, dass Gespräche auf politischer Ebene „bereits stattgefunden haben, insbesondere in Hinblick auf eine Beteiligung Brandenburgs an der geplanten Berliner Ernährungsstrategie“. Hier werde das Thema bessere Versorgung der Stadt mit regionalen Lebensmitteln eine Rolle spielen. „Wir haben ein gewachsenes Interesse Brandenburgs wahrgenommen, Berlin als Abnehmer für Brandenburger Produkte zu sehen“, so der Senatssprecher.

Wenn alle Essen in den öffentlich bewirtschafteten Kantinen des Landes Berlin – wo die öffentliche Hand als Nachfrager einen Gestaltungsspielraum besitzt – zusammengerechnet werden, dann kommt man nach Angaben Altugs bisher nur auf einen Bio-Anteil von 13 Prozent. Zum Vergleich: In den Kantinen der Stadt Nürnberg sind es 50 %, in Kopenhagen sogar weltrekordverdächtige 90 Prozent. Es bleibt also noch viel zu tun.

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