„Es gibt keine einfachen Lösungen“ – Graeme Maxton im Interview

(cooppa, Fritz Hinterberger, 29.11.2017)

Graeme Maxton (Generalsekretär des Club of Rome) war im Sommer in Wien, um in einer Veranstaltung in der Oesterreichischen Nationalbank den neuen Bericht an den Club of Rome vorzustellen. cooppa hat am folgenden Tag mit ihm gesprochen, dieses Interview ist jetzt hier verfügbar – auch als Video (siehe unten).

cooppa: Sie haben vor einem Jahr gemeinsam mit ihrem Ko-Autor Jorgen Randers das Buch „Ein Prozent ist genug: Mit wenig Wachstum soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Klimawandel bekämpfen“ veröffentlicht. Worum geht es darin, am Beispiel des Klimawandels?

Graeme Maxton: Das Kernproblem ist nicht der Klimawandel. Der Klimawandel ist ein Symptom unseres Wirtschaftssystems. In den letzten 30 Jahren waren viele Menschen der Überzeugung, dass ein schlanker Staat und niedrige Steuern gut sind, dass freier Handel alle unsere Probleme löst und Vermögen von den Reichen hinunter zu den Armen sickert. Und dass Wirtschaftswachstum Arbeitsplätze schafft und Armut entgegenwirkt.

Alle diese Annahmen sind im Grunde genommen falsch. Das Wirtschaftssystem erhöht Ungleichheit und es löst nicht das Problem der weltweiten Armut. Freihandel ist nicht immer nützlich, ein schlanker Staat genauso wenig.

Wir müssen erneut darüber nachdenken, was die zugrundeliegenden Regeln sind, nach denen wir leben wollen – denn dieses Wirtschaftssystem zerstört den Planeten und es wird fürchterliche Konsequenzen für die Menschheit haben, wenn wir es nicht ändern.

Wie können wir dieser Herausforderung begegnen?

Der Club of Rome arbeitet schon sehr lange an diesem Problem und wir können heute mit hoher Gewissheit sagen: Es gibt keine einfachen Lösungen. Es ist ein kompliziertes Problem und daher ist auch die Lösung keine einfache.

Was wir festhalten können ist, dass die PolitikerInnen uns gerade im Stich lassen. PolitikerInnen in allen Ländern ignorieren dieses Problem. Wir sehen die Wahl von Donald Trump in den USA als ein gutes Beispiel für diesen Missstand.

Ich denke, wir müssen uns darauf konzentrieren, eine Gemeinschaft jener zu bilden, die etwas ändern wollen: NGOs und andere Organisationen sowie Individuen müssen zusammenkommen, um sich dieser Herausforderung zu stellen. Dazu gehören zum Beispiel der Vatikan, Gewerkschaften, die Vereinten Nationen und junge Menschen, die verstehen, dass ihre Zukunft bedroht ist. Also eine Vereinigung von denjenigen, denen Wandel und Zusammenarbeit wichtig ist, und die dann Politiker zur Veränderung bewegen.

Es ist eine Tatsache, dass viele der Probleme, die in den nächsten 20 bis 30 Jahren auf uns zukommen, ganz besonders der Klimawandel – aber auch Migration und Überalterung – nicht vom Markt allein gelöst werden können. Diese Probleme müssen von Regierungen gelöst werden, ganz offensichtlich etwa wenn die Gesellschaft vor Überschwemmungen, Dürren oder Bränden geschützt werden muss. Wir werden also größere Verwaltungsapparate brauchen und daher müssen wir den Menschen klarmachen, dass wir nicht einen schlanken, sondern einen gut verwalteten Staat brauchen. Wir müssen Regierungen und Beamte wieder als etwas Nützliches sehen lernen, und insbesondere auch unsere fähigsten Menschen in diesen Bereich holen, nicht etwa nur in die Geschäfts- oder Finanzwelt.

Welche Rolle könnte der Club of Rome bei diesem Wandelprozess haben?

Der Club of Rome war speziell in seiner Anfangszeit sehr gut darin, Staatsoberhäupter zusammen zu bringen. Bruno Kreisky war beispielsweise einer davon. Ich glaube, dass wir uns wieder genau darauf konzentrieren sollten: unterschiedliche Akteure wie den Vatikan, verschiedene PolitikerInnen und UN-MitarbeiterInnen zusammenzubringen.

Wir haben derzeit etwas mehr als 100 Mitglieder. Wie am Anfgang herrscht Konsens darüber, was das Problem ist, und die Mitglieder verstehen das Problem alle aus einer langfristigen, ganzheitlichen Perspektive. Wir stimmen alle  über das Ausmaß und die Dringlichkeit des Problems überein, aber bei den Lösungen gehen unsere Meinungen auseinander.

Der Club of Rome ist also keine Organisation, die genau einen speziellen Weg nach vorne aufzeigen wird. Was wir aber machen, ist untereinander Informationen und Ideen teilen, und wir bringen unsere Botschaft einem großen Publikum näher. Ich denke also, dass wir eher ein Katalysator als ein reiner Prozess für Wandel sind. Aktuell arbeiten wir zum Beispiel in Schottland daran, eine Gruppe der WE7 (Wellbeing Economy 7) als Alternative zu den G7 aufzustellen. Wir versuchen, Wirtschaftsminister und Zentralbankiers aus sieben verschiedenen Ländern zusammenzubringen und mit ihnen zu diskutieren, wie sie ihre Wirtschaftssysteme anders gestalten könnten. Ich denke, dass wir hier am Anfang eines Prozesses sind, aber das dies eine Rolle ist, die der Club of Rome übernehmen könnte – wir haben noch immer eine gewissen Einfluss, eine Anziehungskraft – und in die wir auch noch mehr Anstrengungen stecken müssen.

Was halten Sie von den Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) der Vereinten Nationen?

Die Ziele für nachhaltige Entwicklung sind ein wichtiges Signal für viele Personen. Ich war letzte Woche bei den Vereinten Nationen und es dort wurde sehr viel davon gesprochen. Aber ich glaube, dass sie mehr als nur ein Signal oder Gesprächsthema darstellen sollten. Einige der Ziele widersprechen sich, und ich finde auch, dass sie dazu verführen sich in falscher Sicherheit zu wiegen, dass wir in einigen Bereichen Fortschritte machen, wenn das eigentlich gar nicht stimmt. Sie stellen für mich also ein nützliches Ziel dar, ich bin aber noch nicht überzeugt, dass sie der richtige Weg dorthin sind.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Mehr zum Bericht und zur Veranstaltung: Webseite des Club of Rome – Austrian Chapter.

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