ERDE – Nikolaus Geyrhalters filmischer Beitrag zum Thema Anthropozän

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(cooppa, 19.06.2019, Aurelia Jurtschitsch)“Es macht einen riesengroßen Unterschied, ob du einem Bagger zuschaust oder es einmal selber machst und erlebst, dass du mit kleinen Handbewegungen mit dem Joystick enorme Kräfte freisetzen kannst.“ Nikolaus Geyrhalter, der Regisseur des Films ERDE, machte diese prägende Erfahrung schon vor 20 Jahren. In Kombination mit der beginnenden Diskussion über die massiven geologischen Eingriffe des Menschen überall auf der Welt verdichtete sich schließlich die Idee, ja das Bedürfnis, dieses Thema aufzugreifen.

Mit den Bildern, den Arbeitsgeräuschen und den Aussagen der involvierten Akteure an den sieben gezeigten Baustellen stürzt Geyrhalter den Zuschauer unwillkürlich in ein Gefühlsbad von Faszination, Unbehagen, Monotonie, spontaner Abneigung bis Entsetzen, Erstaunen, Spannung bis geweckter Wissbegierde, was da wirklich los ist. Wo der Mensch – oder muß man sagen, die Männer – überall ihre Bagger und Bohrmaschinen, Kräne und Sprengsätze ansetzen zum Wohle aller?!

Der amerikanische Traum versetzt Berge

„Wir versetzen Berge“, würde Trent Wells antworten, wenn man nach seiner beruflichen Tätigkeit fragt. Und er fügt hinzu: „Es ist wahr. Wir verändern Hektar für Hektar die Form des Bodens.“ Trent ist Bauleiter für Planierungsarbeiten im San Fernando Valley, Kalifornien, genauer gesagt, einem Stadterweiterungsgebiet im Norden von Los Angeles, wo das Gelände bereits hügelig-bergig ansteigt. Etwa 60 Männer schürfen mit ihren Bagger-, Schub- und Planier-Fahrzeugen am Gelände und schütten mit dem Material das Tal zu – 2000 Hektar freie Fläche für ein Wohngebiet, für Gewerbebetriebe und Shopping-Centers, Schulen, Parks – eine neue Stadt*. Es hat etwas vom Stolz  des „amerikanischen Traums“ gepaart mit „there are no limits“! Und einer der Mitarbeiter meint, dass er hier bei diesen massiven Eingriffen ins tote Gestein keine Schuldgefühle hat wie beim Job zuvor als er hektarweise Bäume ausreißen musste…

Arbeiten im kalifornischen San Fernando Valley (© NGF)
Arbeiten im kalifornischen San Fernando Valley (© NGF)

Dieses Areal ist ein anschauliches Beispiel für die zu Beginn des Film eingeblendete Information, dass der Mensch TÄGLICH 156 Millionen Tonnen Erde bewegt, (das entspricht wie vielen Cheops-Pyramiden?), während „nur“ 60 Millionen Tonnen Erdmaterial durch Flüsse, Wind und andere natürliche Kräfte verschoben werden. Dieser mehr als das Doppelte Überhang macht den Menschen zum entscheidenden geologischen Faktor. Diese Zahlen stammen aus einer Studie aus dem Jahr 2000** und etwa in dieser Zeit entwickelte sich auch der Ruf nach einer entsprechenden Benennung dieses Faktums, was zum Begriff Anthropozän führte. Für Geyrhalter sind diese menschlichen Eingriffe durchaus Wunden und Narben, die der Mensch der Erdkruste zufügt. Der Begriff Anthropozän misst sich aber konkret an geologisch weltweit nachweisbaren, menschengemachten Ablagerungen wie radioaktiven Abfällen, Mikroplastik oder Aluminium.

Salz, radioaktiver Abfall, Mamor: Der Mensch im Berg…

Genau dazu liefert der Film das Beispiel Asse II nahe Wolfenbüttel. Das stillgelegten Salzbergwerk wurde in den 1970er Jahren auserkoren, ein Endlager für radioaktiven Abfall zu werden. 50 Jahre später stellt sich das als prekärer Irrtum heraus, da – trotz aller Behauptungen der Sicherheit – in größerem Maß Wasser eintritt, das eine natürliche Gefahr für die Stabilität des Salzstocks ist. An diesem Beispiel überlagern sich gleich zwei Arten des Eingriffs durch Menschenhand: in früheren Zeiten die Aushöhlung des Berges durch den Salzabbau und aktuell die potentielle Verseuchung durch radioaktive Strahlung.

 

An einen aktuellen Schauplatz der „Aushöhlung“ bringt uns der Film durch Einblicke in die Bauarbeiten am Brenner-Basistunnel. Eingeleitet durch die traditionelle Feier zu Ehren der Hl. Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute. Einer von ihnen, ein Ingenieur, fühlt sich manchmal wie ein Astronaut, wenn er im Berg Gestein berührt und betritt, wo noch nie zuvor ein Mensch war.  Dann geht es nach Carrara, Garant für hochwertigsten weißen Marmor, der Begehrlichkeit und Leidenschaft weckt. Das kommt auch in den Aussagen der Maschinenführer zum Ausdruck, die vom Adrenalinkick bei der Arbeit sprechen, von der Entjungferung des Berges bis hin zum Bekenntnis, dass sie eigentlich den Berg ruinieren – bei dem Tempo des derzeitigen Abbaues wird es schließlich bald kein Material mehr geben…

… hat lange Geschichte

Bei der Braunkohleförderung im Tagbau in Gyöngyös, Ungarn stoßen die Schürfmaschinen immer wieder auf fossile Baumstämme und Stümpfe aus der Zeit der Dinosaurier. Bestaunenswerte Zeugen der Erdgeschichte für das Museum, zugleich lästige Hindernisse bei der Beschaffung von energieträchtigem Material.

Marmorabbau in Italien (© NGF)
Marmorabbau in Carrara, Italien (© NGF)

Eine weitere Station ist die geschichtsträchtige Kupfergewinnung in Minas de Riotinto, Spanien. Hier hatten sich schon die Römer bedient, aber die Anfänge des Abbaues reichen in die Bronzezeit zurück, immer mit mehr oder weniger Umweltschäden. Nachdem man im Film aus sicherer Entfernung an einer Gesteinssprengung teilgenommen hat, kommt der Archäologe Luis Iglesias Garcia zum Schluss: „Die Erde gibt uns nichts einfach so. Die Extraktion aus der Erde erfolgt auf eine wirklich gewalttätige Weise, wie alles, was mit Rohstoffen zu tun hat.“

Auswirkungen auf Natur und Mensch

Fort McKay, Kanada, ja genau das, wo durch Fracking Bitumen bzw. Erdöl aus Ölsand gewonnen wird. Der Filmbericht muss sich mit der Vogelperspektive über Teile der insgesamt 140.000 km² umspannenden Lagerstätten in Alberta begnügen, da seit Jahren dort keine Dreherlaubnis mehr erteilt wird. Zu Wort kommt aber eine Vertreterin der indianischen Dene-Athabasken, die ihr angestammtes Land wegen des Frackings nicht mehr betreten darf. Das ist die menschliche Tragödie für eine Minderheit, die eine innige Naturverbundenheit hat und für die jedes Element der Erde einen Geist hat. Die ökologische Tragödie ist, dass dieses riesige Gebiet inmitten eines viel riesigeren Waldgebietes zerschürft und vergiftet wurde und die Versprechen der Wiederaufforstung nicht eingelöst werden.

„Ich habe es am Anfang fast wie ein Sakrileg empfunden, die unversehrte Erde aufzureißen, nur um ein Rohr zu verlegen.“ Das ist wieder ein Originalzitat von Regisseur Nikolaus  Geyrhalter, womit er sicherstellt, mit welch zwiespältigen Gefühlen diese – und seien es noch so kleine – Eingriffe in den Boden begleitet sein können. Immerhin war es ja auch ein faszinierendes (Macht-)Gefühl, als er mittels Joystickverschiebung um ein paar Millimeter er den Aushub bewirkte. Mit dieser preisgekrönten Dokumentation ausgesucht ausdrucksstarker Beispiele gelang es ihm, den Zuschauer auf diesen Gefühlstripp mitzunehmen.

*) Das San Fernando Valley gilt laut Wikipedia-Eintrag nach zwei Erdbeben (1971 und 1994) als erdbebengefährdet.
**) Ian Douglas, Nigel Lawson: The Human Dimensions of Geomorphological Work in Britain
Journal of Industrial Ecology, Vol. 4, Issue 2, pp. 9-33, 2000

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Beitragsbild: © NGF

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