Endlich wieder dran: Die zweite Welle der Erdpolitik

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Öko-Vordenker Ernst Ulrich von Weizsäcker feierte in Berlin seinen 80. Geburtstag

(cooppa, 09.07.2019, Manfred Ronzheimer) Viel erreicht und wohl doch nicht genug. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Umweltwissenschaftler und Öko-Vordenker, konnte zur Feier seines 80. Geburtstages am 25. Juni 2019 in Berlin viele Wegbegleiter begrüßen, die verbale und reale Blumensträuße überreichten. Aber allen war bewusst, wie auch dem Erfinder des Begriffs „Erdpolitik“ selbst, dass der ökologische Zustand des Planeten seit Menschengedenken noch nie so prekär war wie heute. Was ist da schief gelaufen?

An Warnrufen vor Bedrohungen wie dem Klimawandel und wissenschaftlich durchdachten Lösungen für einen besseren Umgang mit den natürlichen Ressourcen herrscht kein Mangel. Schon 1989, dem Jahr einer politischen Zeitenwende, entwarf Weizsäcker in seinem Buch „Erdpolitik“ einen globalen Kurs in Richtung Nachhaltigkeit. In den Arenen der Wissenschaft und der Politik engagierte sich der Physiker und Biologe, Sohn des Atomphysikers Carl-Friedrich von Weizsäcker, für die praktische Umsetzung. Er leitete die Reform-Uni Gesamthochschule Kassel, gründete das Institut für europäische Umweltpolitik und 1991 das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie als Thinktank der ökologischen Wende. Später wechselte Weizsäcker in die Politik, gehörte für zwei Legislaturperioden als SPD-Abgeordneter dem Deutschen Bundestag an, wo er den Umweltauschuss leitete wie auch die Enquête-Kommission „Globalisierung der Weltwirtschaft – Herausforderung und Antworten“. Er war auch Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Wisenschaftler (VDW) und zuletzt des internationalen Club of Rome, die beide zusammen mit dem Wuppertal-Institut das Berliner Geburstags-Symposium organisiert hatten.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze
[Foto und Copyright: Andreas Schoelzel; Bildquelle]
Dort war es keine geringere als die amtierende Bundesumweltministerin Svenja Schulze, die eine wissenschaftliche und umweltpolitische Wirkungsbilanz der Arbeiten Weizsäckers zog. „Deine Thesen waren prägend für die umweltpolitische Debatte des Landes“, bescheinigte die SPD-Ministerin ihrem Parteigenossen. Dazu zählte sein Ansatz „Faktor 4: Doppelter Wohlstand – halbierter Ressourcenverbrauch“ und die damit verbundene Forderung nach einer ökologischen Steuerreform. Weizsäckers alte Formel „Die Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen“ erfährt in diesen Tagen eines gewachsenen gesellschaftlichen Klimabewusstseins in Form einer CO2-Bepreisung endlich Akzeptanz und Anwendung im politischen Raum. Auch Ministerin Schulze zeigte sich zuversichtlich, die CO2-Emissionen aus den Bereichen Gebäude und Verkehr „noch in diesem Jahr mit einem Preisschild versehen zu können“.

Der Jubilar selber gestattete es sich, den Wein mit Wasser anzureichern. Wie schon in seinem letzten Buch „Wir sind dran“, in dem der Club of Rome die neuen Grenzen des Wachstums im Anthropozän aufzeigt, mahnte Weizsäcker, dass die nächsten Jahre die entscheidenden sein werden, um den Öko-Crash zu verhindern. So werde noch massiv an den Weltentwicklungszielen der Vereinten Nationen zu arbeiten sein. Denn die ersten elf der insgesamt 17 Sustainable Development Goals, darunter die Zurückdrängung der Armut, seien „allesamt auf wirtschaftliches Wachstum ausgerichtet“, kritisierte Weizsäcker. Auf diese Weise werde eine Erde im ökologischen Gleichgewicht nicht erreicht. Im September will die UNO in New York den Status der SDGs überprüfen.

Ernst-Ulrich von WEizsäcker spricht beim Symposium
[Foto und Copyright: Andreas Schoelzel; Bildquelle]
Auch der Zustand seiner eigenen Partei bereitet Weizsäcker Sorge. Alarmierend sei, dass in Deutschland nur noch zwei Prozent der Bürger der SPD zutrauten, die Probleme der Zukunft meistern zu können, zitierte er neueste demoskopische Erkenntnisse nach der EU-Wahl. Nun räche es sich, dass die Sozialdemokratie die Umwelt zu sehr aus den Augen verloren habe. „Vor allem das Klima muss in erheblichem Umfang wieder unser Thema sein“, forderte Weizsäcker. Dies bedeute kein Kopieren der Grünen, wenn die SPD die ökologischen Herausforderungen glaubhaft mit den Gesichtspunkten der sozialen Gerechtigkeit kombiniere. Ergänzt um eine engagierte Friedenspolitik, Kontrolle der Finanzmärkte, Gestaltung der Digitalisierung und Technikfolgenabschätzung habe die SPD durchaus die Chance, bei Wahlen „wieder auf 25 Prozent kommen“, so seine Meinung.

In dieser Tonalität eines latenten Zukunftsoptimimus versammelten die Experten des Wissenschaftsymposiums eine Reihe von konkreten Vorschläge, wie die Wende in verschiedenen Bereichen – Bildung, Landwirtschaft, Digitalisierung, Umwelt, Sicherheit – forciert werden könne. So sei es in der Bundespolitik an der Zeit, ein „Transformations-Ministerium“ zu etablieren, das die vielen und häufig grundlegenden Veränderungen effiizent koordiniere. Für den Wisssenschaftsbereich wurde die Gründung einer „Genossenschafts-Universität“ vorgedacht, bei der die so genannte „Dritte Mission“ der gesellschaftlichen Beteiligung in Forschung und Lehre mit einer neuen gemeinwirtschaftlichen Organisationsform untersetzt wird.

[Foto und Copyright: Andreas Schoelzel; Bildquelle]
Unter dem Titel „Aufklärung 2.0“ wollen – koordiniert durch die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) – vier Hochschulen in Eichstätt, Koblenz, Hamburg und Emden im Herbst mit der Einrichtung neuer Studiengänge starten, die den Studierenden „mehr Selbstlernfähigkeit und Selbstwirksamkeit“ ermöglichen sollen, wie es der Sozialpädadoge Erik Mührel von der Hochschule Koblenz formulierte.

Für den Club of Rome ist die Schaffung einer „neuen Aufklärung“, einer geänderten zivilisatorischen Geisteshaltung, die grundlegende Bedingung für ein dauerhaftes Leben der Menschheit innerhalb der planetaren Grenzen. Mit dem Hochschulprojekt des VDW soll dieser Gedanke in die deutsche Wissenschaft getragen werden. Jubilar und Ex-Rektor Ernst Ulrich von Weizsäcker wird’s freuen.

Links:

Beitragsbild: Weizsäcker und Bundesumweltministerin Schulze [Foto und Copyright: Andreas Schoelzel; Bildquelle: https://vdw-ev.de/rede-svenja-schulze-symposium-wir-sind-dran/)


Weitere Informationen zur Veranstaltung

In ihrer Pressemitteilung zur Veranstaltung fasste die VDW die Leistungen Weizsäckers so zusammen:

„Der international bekannte Vordenker für Nachhaltigkeit und Umweltthemen feiert seinen 80. Geburtstag. Sein Ansatz „Faktor 4: Doppelter Wohlstand – halbierter Ressourcenverbrauch“ und die damit verbundene Forderung nach einer ökologischen Steuerreform haben in Deutschland und auf der ganzen Welt zahlreiche Persönlichkeiten inspiriert. Als verantwortlicher Wissenschaftler und brückenbauender Politiker hat er sich weltweit einen Namen gemacht. Seine Ideen sind angesichts des Artensterbens und der Klimakrise sowie dem Ringen um Lösungen hochaktuell und von höchster Bedeutung. Er setzt sich unermüdlich, aber dennoch optimistisch für Ressourceneffizienz, wirtschaftliches Umdenken und die Entlastung unserer Ökosysteme ein. Diese Themen treibt auch die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) mit voran.“

Das Ziel: Konkrete Anstöße für eine nachhaltige Transformation auf regionaler und globaler Ebene

Das Programm des Festsymposiums war dicht gedrängt. Mit international renommierten Wissenschaftlern und Experten wurden unterschiedliche Themen und Lösungsszenarien diskutiert. Wie kann ein Wandel erfolgreich stattfinden? Welche Wege sollten wir gehen? Das Symposium wollte die vielschichtigen nachhaltigen Entwicklungsansätze verzahnen und neue Narrative, Lösungen und Handlungsoptionen schaffen. Im Zentrum standen die Themenfelder Bildung, Klimawandel und Ressourcenhunger, Balance zwischen Ökonomie und Ökologie, Spielregeln für die Globalisierung, Frieden und Sicherheit im globalen Kontext sowie Werte und Verantwortung für ein digitales Zeitalter.

Im ersten Teil gaben Vertrter der drei veranstaltenden Organisationen „Inspiration und persönliche Blickwinkel“ auf das Thema 2 „Wir sind dran!“: Prof. Dr. Hartmut Graßl, Vorstandsvorsitzender VDW, ehem. Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie, der aus Hamburg per Video zugeschaltet war, Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Präsident und wiss. Geschäftsführer des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, sowie Prof. Dr. Mojib Latif , Präsident Deutsche Gesellschaft Club of Rome, Professor am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (GEOMAR) und an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Daran schloss sich der Vortrag des Jubilars Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker an.

Der Nachmittag war in die drei Dimensionen des Tagungsthemas – Inspirieren, Reflektieren, Handeln – gegliedert. Der erste Block („Inspirieren: Räume zum Um-denken“) begann mit Impulsvorträgen als Einleitung zu den Workshops mit den Themen: Spielregeln für die Globalisierung, Balance zwischen Ökonomie & Ökologie. Digitalisierung und Ethik – Werte im digitalen Zeitalter, Bildung mit Herz. Frieden & Sicherheit. Klimawandel & Ressourcenhunger sowie Klimapositive Landwirtschaft. Der zweite Block („Reflektieren: Räume zum Um-handeln“) setzte sich aus parallelen Workshops zusammen, in denen die einzelnen Fragestellungen vertieft wurden, um gemeinsam neue Antworten zu finden.

Es handelte sich um diese Workshops mit ihren Impulsreferenten:

Klima: Neue Wege bei Energie, Mobilität und Energieeffizienz mit Prof. Dr. Peter Hennicke, ehem. Präsident Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Träger Deutscher Umweltpreis. Verhindert war Prof. Dr. Hartmut Graßl – Vorstandsvorsitzender VDW, ehem. Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie

Globalisierung neu denken: Balance im Zentrum neuer globaler Spielregeln mit Prof. Dr. Christian Berg, Honorarprofessor für Nachhaltigkeit und globalen Wandel an der TU Clausthal, Uli Mayer-Johannssen, Designerin, Gründerin der Meta Design GmbH in Berlin, sowie Prof. Dr. Martin Stuchtey, Professor für Ressourcenstrategie- und management an der Universität Innsbruck

Erweiterung und Vertiefung des Menschenrechts auf Bildung für eine nachhaltige Entwicklung mit Prof. Dr. Ulrich Bartosch, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Beiratsvorsitzender VDW, Prof. Dr. Eric Mührel, Hochschule Koblenz, Zeynel Korkmaz, Chefredakteur PoliTeknik sowie Studierenden der Hochschule Koblenz und der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

Ökonomie, Ökologie, Gesellschaft: Konzepte und Wege in die Balance mit Prof. Dr. Maja Göpel, Generalsekretärin des WBGU, Kerstin Andreae, Stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Grünen und Verantwortliche für den Jahreswohlstandsbericht, Markus Sauerhammer, Entrepreneuer4Future, Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland, sowie Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Präsident und wiss. Geschäftsführer des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.

Sicherheit neu denken: Konzepte für ein globales Miteinander mit Prof. Dr. Götz Neuneck, Pugwash-Beauftragter, stellv. wiss. Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg, Prof. Dr. Jürgen Scheffran, Professor am Institut für Geographie der Universität Hamburg und Leiter der Forschungsgruppe Klimawandel und Sicherheit in der Exzellenzinitiative „Integrierte Klimasystemanalyse und -vorhersage“ des KlimaCampus Hamburg, sowie Prof. Dr. Lothar Brock – Senior-Professor an der Goethe-Universität Frankfurt und Gastforscher an der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung.

Bildung mit Herz und Verstand: Verantwortliches Miteinander und wie wir dahin kommen mit Barbara Riekmann, Schulleiterin a.D., Deutsche Gesellschaft Club of Rome, und Eiken Prinz, Bildungsreferentin der Deutschen Gesellschaft Club of Rome.

Digitalisierung & Nachhaltigkeit mit Dr. Stephan Ramesohl, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, ehemaliger Vice-President Innovation Strategy and Innovation Portfolio Management der E.ON SE, Prof. Dr. Ina Schieferdecker, Professorin für Quality Engineering of Open Distributed Systems an der TU Berlin & Institutsleiterin am Fraunhofer-Insitut FOKUS, sowie Dr. Carsten Polenz, Senior IT Executive SAP SE.

Klimapositiv und mehr – Zur Zukunft der Landwirtschaft mit Nikolai Fuchs, Vorstand der GLS Treuhand & der GLS Bank Stiftung, Vorsitzender des Aufsichtsrats der BioBoden Genossenschaft, Unternehmensratsvorsitzender des Handelskontor Willmann, Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth Stiftung, Honorarprofessor für Agrar- und Ernährungsethik an der Humboldt-Universität Berlin, sowie Dr. Anita Idel, Tierärztin und Mediatorin im Spannungsfeld Landwirtschaft, Tierschutz und Naturschutz.

Nach einer Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Prof. Dr. Micha Teuscher (Präsident HAW Hamburg), Prof. Dr. Susanne Jochner-Oette (Studiendekanin KU Eichstätt-Ingolstadt) und Prof. Dr. Eric Mührel (Mitglied des Hochschulrates der Hochschule Koblenz) unter der Moderation von Prof. Dr. Ulrich Bartosch (Beiratsvorsitzender VDW) folgte der dritte Block („Handeln. Pitches und Live-Aktionen“), der die Präsentation der Workshop-Ergebnisse und Lösungsansätze bot, die dann auch plenar diskutiert wurden. Den Abschluss des offiziellen Teil bildete die Keynote der Bundesumweltministerin Svenja Schulze.

Bei der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler gingen viele Geburtstagswünsche per Videobotschaft ein, von Ministern, Wissenschaftlern, Unternehmern und Journalisten. Diese unterstreichen auf vielfältige Weise die Bedeutung und Gestaltungsmacht von Ernst Ulrich von Weizsäcker. Einige Auszüge:

„Ernst Ulrich von Weizsäcker hat tiefe Spuren in der deutschen Umwelt- und Klimapolitik hinterlassen“, sagt Alexander Bonde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), die von Weizsäcker bereits 2008 mit ihrem Deutschen Umweltpreis auszeichnete. Bonde lobt auch seine herausragende Leistung als Wissenschaftler: „Er hat stets die Nähe zur Öffentlichkeit und praktischen Umsetzung seiner Ideen gesucht.“

„Wir brauchen weniger Untergangs- sondern Übergangsszenarien. Übergänge in eine Welt, die mehr Freude macht als die jetzige. Wir brauchen eine ansteckende positive Vision von einer Welt, für die wir nicht verzichten „müssen“, sondern gerne loslassen von dem, was uns eh nicht glücklich macht. Und genau dafür steht Ernst Ulrich von Weizsäcker“, sagt Eckart von Hirschhausen.

„Ernst Ulrich von Weizsäcker liefert immer Neues zu Lösungen – und das druckreif“, sagt Hartmut Graßl, ehemaliger Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie und Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler.

„Die Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen“, ist eine der Forderungen, von denen Ottmar Edenhofer, Direktor am Potsdam-Institut für Klimaforschung (PIK) inspiriert wurde.  „Auch wenn wir noch weit entfernt davon sind, muss es uns gelingen das umzusetzen, um eine sozial verträgliche und ökologische Marktwirtschaft aufbauen zu können, sagt er und dankt Ernst Ulrich von Weizsäcker für seine Erdpolitik, die dringender ist denn je.

Die Pressemitteilung findet sich auf der Webseite der VDW: https://vdw-ev.de/aktuelles/presse/

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