Eine Jugend in den Zeiten Tschernobyls

(cooppa, Buchrezension von Karin Chladek, 24.04.2018)

Wer angesichts der multiplen Krisen (Klimawandel, Insektensterben, Fukushima, wachsende Ungleichheit, verbreitete Arbeitslosigkeit, Kriege, Terror …) auf keine gute Zukunft zu hoffen wagt, ist sicher nicht allein. Dabei wird oft vergessen, dass es schon einmal ein sehr düsteres Jahrzehnt gab, das viele von uns sogar erlebt haben: die 1980er Jahre. Doch allzu oft haben wir nach den eher heiteren 1990er und den sogenannten 0er Jahren vergessen, wie es sich anfühlte, in solch einer Zeit mittendrin zu stecken. Daran erinnert Kirstin Breitenfellner mit ihrem Roman „Bevor die Welt unterging“.

Breitenfellner erzählt von einer Jugend in den 1980er Jahren. Ein wenig optimistisches Jahrzehnt, das 1989 mit einer großen Überraschung enden sollte.  Doch in den 1980ern ist „No future“ die Devise. Breitenfellners Protagonistin Judith wird Anfang der 80er Jahre zum Teenager, wie die Autorin selbst. Erzählt wird vorwiegend aus Judiths Perspektive, doch es gibt auch eine allwissende Stimme, die gelassen kommentiert. Judith gehört zu den – oft jungen – Leuten, die überzeugt davon sind, dass das Ende der Welt bevorsteht. Gründe für dieses Gefühl waren in den 1980ern reichlich vorhanden: Da gab es das Waldsterben infolge des „Sauren Regens“, wogegen später Filter und Katalysatoren halfen, deren Einsatz in den 1980ern aber erst bevorstand. Das Ende der Wälder schien unausweichlich. Außerdem war der Kalte Krieg in den 1980ern bekanntlich in einer besonders heißen Phase: Die Angst vor einem Krieg der aufrüstenden Supermächte war verbreitet. Flüsse und Seen waren durch Umweltgifte sichtbar verschmutzt. Und dann wurde der Super-GAU im Atomkraftwerk Tschernobyl bekannt. In Westeuropa war anfangs niemand sicher, wie sich die Havarie in der Sowjetunion auf die eigenen Bevölkerungen und Staatsgebiete auswirken würde. Natürlich gab es menschliche Opfer, aber kaum in Westeuropa: Kirstin Breitenfellners allwissende Erzählstimme erinnert an die fast eine Million russischer „Liquidatoren“, meist jungen Soldaten oder Feuerwehrmännern, die nach dem Super-GAU die ersten Aufräumarbeiten am Reaktor vornahmen. Niemand weiß, wie viele von ihnen an den Folgen ihres Einsatzes starben.

Doch in West wie Ost ging das Leben weiter. Für viele Menschen hielt das Leben positive Überraschungen bereit. Viele Probleme der 1980er Jahre wurden in den 1990ern gelöst. Damit waren sie keine Probleme mehr. Sie verschwanden durch Taten und Politik. Insofern ist Kirstin Breitenfellners Roman heute ein Ansporn zu mehr Optimismus und einem zuversichtlichen Blick in die Zukunft.

Link: Kirstin Breitenfellner: Bevor die Welt unterging. Picus Verlag, Wien. 240S., EUR 22.

2 Gedanken zu „Eine Jugend in den Zeiten Tschernobyls

  • 21. Oktober 2018 um 13:29
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  • 21. Oktober 2018 um 17:08
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