Die Datenspur im Anthropozän

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Die Max-Planck-Gesellschaft plant die Gründung eines Instituts zur Erhaltung des Lebensraums Erde

(cooppa, 02.09.2019, Manfred Ronzheimer) Die Industrialisierung ist die zweite „große Transformation“ in der Menschheitsgeschichte, angetrieben durch die immense Nutzung fossiler Rohstoffe wie Kohle und Erdöl. In den letzten Jahrzehnten hat dieser Prozess der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen eine solche Dynamik erlangt, dass Forscher von einem neuen Erdzeitalter, dem „Anthropozän“, sprechen. Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft haben die Mechanismen dieser Beschleunigung genauer untersucht und als ihren zentralen Treiber den Umgang mit der Ressource „Daten“ – die Digitalisierung mit Hilfe der Computertechnik – ausgemacht. Erst durch die massenschafte Verbreitung der Informationstechnik sei die Überschreitung der „planetaren Grenzen“ ökologischer Nachhaltigkeit möglich geworden. Ihr neues Paradigma, den Wandel der Welt zu verstehen, nennen die Forscher „Geo-Anthropologie“ und schlagen die Gründung eines eigenen Forschungsinstituts vor, das sich den „Perspektiven für die Erhaltung des Lebensraums Erde“ widmen soll.

Große Beschleunigung nach 1950 in den verschiedensten Bereichen (© IGBP (International Geosphere-Biosphere Programme), Globaia; Quelle)

„Was das heutige Verständnis über den Einfluss der digitalen Transformation betrifft, so sind wir etwa auf dem gleichen Wissensstand, auf dem sich die Klimaforschung vor 30 Jahren befunden hat“, schreiben die Max-Planck-Wissenschaftler Christoph Rosol, Benjamin Steininger, Jürgen Renn und Robert Schlögl in ihrem Aufsatz „On the age of computation in the epoch of humankind“ („Vom Computerzeitalter in der Epoche des Menschen“), der vor wenigen Wochen in der internationalen Wissenschaftszeitschrift „nature“ erschienen ist. Ihr Ansatz verknüpft ausdrücklich die zwei Kulturen der Wissenschaft: der Chemiker Schlögl ist Direktor des Berliner Fritz-Haber-Instituts für physikalische Chemie der MPG, Jürgen Renn leitet das ebenfalls in Berlin ansässige MPI für Wissenschaftsgeschichte.

Doppelte Umweltwirkung

Die Digitalisierung wirkt heute in doppelter Weise auf die Umwelt. Zum einen beschleunigt sie herkömmliche Prozesse der Produktion und des Handels von Waren ganz erheblich. Stichworte: Fabrik 4.0 und e-commerce. Zum anderen ist sie selbst durch ihren Energiebedarf ein immenser ökologischer Faktor. Wäre das Internet ein Land, so käme es mit seinem Energieverbrauch mit 2500 Terawattstunden pro Jahr in der Weltrangliste auf auf Platz drei – nach den USA und China. „Weltweit verbraucht das Internet rund zehn Prozent des Stroms, in Deutschland sind es rund acht Prozent“, erklärt der Berliner Nachhaltigkeitsforscher Tilman Santarius, der im letzten November die Konferenz Bits und Bäume an der Technischen Universität Berlin ins Leben gerufen hatte.

Bis 2030 soll sich Prognosen zufolge der Energieverbrauch für den Cyberspace weltweit mehr als verdreifachen – und dann über 8000 Terawattstunden liegen, getrieben durch die Speicherung und die rasant waschsende Übertragung von Datenmengen. Videostreaming macht bereits mehr als die Häfte des globalen Internetverkehrs aus. Und diese Zahlen gelten nur für den Betrieb; die Energie für die Geräteherstellung kommt noch hinzu. So hat die Produktion der rund zehn Milliarden Smartphones in den Jahren 2007 und 2017 nach Abschätzungen von Santarius fast doppelt so viel Strom gekostet, wie Deutschland in einem Jahr verbraucht.

Von theoretischer Analyse zu praktischen Handlungsempfehlungen

„Die Digitalisierung als Motor des globalen Wandels ist für uns ein Modellfall für die komplexen Wechselwirkungen zwischen dem Erdsystem und technischen sowie gesellschaftlichen Faktoren“, erklärt Christoph Rosol vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und einer der Autoren des Papieres. Der theoretische Ansatz soll dazu dienen, dass die Praktiker in Politik und Wirtschaft wirksamere Maßnahmen gegen Klimawandel und Artensterben ergreifen können. „Die Zusammenhänge sind auf gesellschaftlicher Ebene hochgradig komplex“, erläutert Rosol. „Wir müssen zunächst die Tiefenstruktur und die historischen Pfadabhängigkeiten unserer modernen hochindustrialisierten Gesellschaften verstehen, ehe es uns gelingen wird, etwa unsere Energieversorgung und Mobilität an die Klimaschutzziele anzupassen.“ Ein Beispiel ist der Weg in die fossile Energiewirtschaft, der im 19. Jahrhundert eingeleitet wurde. Die Max-Planck-Forscher zeigen auf, wie sich auch die Kolonialgeschichte und die kapitalistische Wirtschaftsform auf den Wandel des Energiesystems auswirkten. „Das war ein sich selbstverstärkender, aber auch sehr vom historischen Zufall geprägter Prozess“, bemerkt Christoph Rosol.

Aber es soll nicht bei geschichtswissenschaftlicher Betrachtung bleiben. „Wenn wir aus historischer und kultureller Perspektive auf Transformationen in der Energiewirtschaft blicken, können wir vielleicht Handlungsempfehlungen geben, wie dieses Dilemma zu lösen ist“, schlägt Rosol den Bogen zu Praxis. Erster Schritt im Anwendungsfeld ist indes, die alte Denkmuster – besagte „Pfadabhängigkeiten“ – aufzubrechen. Besonders drägend sind Kursänderungen im Energiebereich, die Energiewende, mit vielen Ansätzen zum Umstieg auf erneuerbare Energiequellen. „Dass da letztlich zu wenig passiert, liegt unserer Meinung nach auch daran, dass diese Faktoren als Stellschrauben in linearen Prozessen betrachtet werden“, gibt Christoph Rosol zu bedenken.

Letztlich müssen diese Fragenstellungen und Herausforderungen in einem konzentrierten Ansatz wissenschaftlich behandelt werden. Der Leiter des Wuppertal Institus für Klima Umwelt Energie, Uwe Schneidewind, hat in seinem neuen Buch „Die Große Transformation“ insgesamt sieben technische und gesellschaftliche „Wenden“ identifiziert, die es zu meistern gilt, um in einen Zustand der Nachhaltigkeit zu gelangen: von der Energie- und Ressourcenwende über die Wende im Verkehrsbereich bis hin zu gewandelten Ernährungs- und Konsummustern.

Transdisziplinäre Forschung für die Transformation

„Was wir brauchen, ist unabhängige Grundlagenforschung in einem Bereich, der stark durch technologische Entwicklungen und angewandte Wissenschaften geformt wird“, postuliert das MPG-Papier. Für eine derartige Forschung müssten traditionelle Grenzen überwunden werden, um die derzeitige Situation mit all ihren vernetzten Phänomenen und Problemen zu begreifen. „Eine derartige Forschungsperspektive wollen wir ‚Geo-Anthropologie‘ nennen, also die Wissenschaft von den Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Erdsystem“. Diese integrative Wissenschaft namens Geo-Anthropologie solle die verschiedenen Mechanismen, Dynamiken und Entwicklungspfade untersuchen, die in das Zeitalter des Anthropozäns geführt haben.

Der nächste Schritt wäre, dem neuen Wissenschaftsfeld auch eine neue institutionelle Fassung zu geben, ein Forschungsinstitut. Bei der Max Planck-Gesellschaft hatte es den Zuschnitt einer breit aufgestellten und in die Zukunft gerichteten Denkstätte schon einmal gegeben: das „Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt“, das 1970 für den Physiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker in Starnberg eingerichtet wurde. Den sozialwissenschaftlichen Part dort personifizierte der Soziologe Jürgen Habermas.

Wie weit und auch wie schnell die Max-Planck-Gesellschaft in ihrer Münchner Generalverwaltung dem Vorstoss ihrer Berliner Vordenker folgen mag, wird sich zeigen. Im Frühjahr 2019 gab es das erste Signal in diese Richtung. Von der MPG-Mitgliederversammlung wurde eine Konzeptgruppe eingesetzt, die einen Strukturvorschlag erarbeiten soll, der auf einer Fachkonferenz Anfang 2020 diskutiert wird.

Unterstützung und Bewegung in der Wissenschaft

Ein gewichtiger Befürworter aus der Wissenschaft hat sich bereits zu Wort gemeldet. Der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) befürwortet in seinem neuen Hauptgutachten, das sich mit Digitalisierung und Nachhaltigkeit befasst, die Gründung des Instituts. Wörtlich heißt es in der Stellungnahme unter Textziffer 10.2.3.2: „Ein von der Max-Planck-Gesellschaft gesponserter Beitrag in der Zeitschrift Nature (Rosol et al., 2018) regt die Schaffung einer neuen interdisziplinären Forschung zur „Geo-Anthropologie“ an. Diese soll den globalen Wandel im Anthropozän systemisch analysieren und dabei interdisziplinär die Expertisen von Natur-, Geistes- und Technikwissenschaften zusammenführen, um Perspektiven zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen zu entwickeln. Mit Hilfe einer solchen grundlagenorientierten Transformationsforschung (WBGU, 2011) können Transformationsprozesse im Digitalen Zeitalter besser verstanden werden. Der WBGU unterstützt daher die Initiative für ein neues Max-Planck-Institut zum Thema „Geo-Anthropologie“.

Auch im universitären Raum gibt es schon Bewegung. An der Universität Tübingen wurde eine „Carl Friedrich von Weizsäcker-Stiftungsprofessur“ eingerichtet, die aus Mitteln der Udo Keller Stiftung „Forum Humanum“ finanziert wird. Auf die Professur wurde mit Wirkung zum 1. Januar 2019 der Mathematiker, Informatiker und Philosoph Reinhard Kahle berufen.

Die Professur gehört zu einem neuen Zentrum für internationale Gastwissenschaftler, dem „College of Fellows“, das in den nächsten Jahren aufgebaut werden soll. „Unser Ziel ist es, mit dem College eine Einrichtung zu schaffen, die als kreatives und lebendiges Zentrum des wissenschaftlichen Austauschs kluge Köpfe aus aller Welt anlockt und die Universität Tübingen in ihrer Gesamtheit befruchtet“, erklärte Uni-Rektor Professor Bernd Engler zur Eröffnung. „Wir stehen am Beginn einer Epoche, die dem Menschen überaus mächtige Werkzeuge zur Verfügung stellt“, ergänzte er und nannte als Beispiele Genom-Editierung und Künstliche Intelligenz. Es sei eine zentrale Aufgabe von Universitäten, rechtzeitig nicht nur auf mögliche Nutzanwendungen, sondern auch auf das zerstörerische Potenzial neuer Werkzeuge hinzuweisen: „Für diese kritische Reflexion ist die Universität Tübingen der richtige Ort.“

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