Spurensuche nach „nachhaltigen“ Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen

(cooppa, Kommentar von Ilse Kleinschuster, 22.03.2018)

„Denkverbote und Sprechgebote: Auswirkungen auf Nachhaltigkeit“ – so der Titel zur Diskussion der Reihe Nachhaltigkeitskontroversen – Campus WU/LC am 20. März 2018

„Ist es Ausdruck passiver Diskussionslust oder des Delegierens unseren schlechten Gewissen?“ fragt sich der Vizedirektor der WU in seiner Begrüßung des zahlreich erschienenen, jugendlichen Publikums.

Fred Luks, Leiter des Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit, launig moderierend, vermutet, mit diesem Titel wollte man wohl auf die Relevanz einer Gefährdung von lösungsorientierten Antworten auf die gesellschaftlichen Herausforderungen durch politische oder ökologische Korrektheit hinweisen. Könnte schon sein, dass selbst auf unseren Universitäten die gesellschaftliche Stimmungslage ihren Niederschlag findet –, er sich somit heute eher als „Feuerlöscher“ fühle als noch vor Jahren.

Robert Pfaller, Philosoph und Professor (Kunstuniversität Linz) hält zum Einstimmen einen kurzen Vortrag mit der warnenden Message, wer die Ungleichheit und den davon profitierenden Rechtspopulismus stoppen wolle, müsse „auf Beute verzichten“,  sich der Frage stellen, ob die Empörung der verarmenden Bevölkerungsgruppen nicht einen Ausdruck finden muss, der den Werten der Aufklärung wieder gerecht wird  – das hieße, einen anderen als den der rechtspopulistischen Parteien. Zunächst müsse man einfach die Dinge wieder beim Namen nennen, die Fähigkeit des schonungslosen Sprechens hervorkehren, – was ja leider von den Linken lange Zeit verabsäumt worden sei. Er nennt das die Furchtlosigkeit vor der „Erwachsenensprache“ (so auch der Titel seines letzten Buchs), der wir nicht länger ausweichen sollten. Andernfalls würden weiterhin unsere wahren Probleme von Politikern und ihren „Beratern“ geschickt dorthin manövriert wohin sie gar nicht gehören. Dies wäre ihnen aber nur solange möglich, solange wir an unseren narzisstischen Tendenzen festhalten – es hänge demnach vom Reifegrad unserer Gesellschaft ab, ob sie sich entschließen kann, herauszufinden, wofür es sich wirklich und gemeinsam zu kämpfen lohnt. Zu solcher Kultiviertheit gehöre auch, dass „man“, „der mündige Bürger“, sich von jener Propaganda, welche das große Ganze, den „Kern der Fiktion von Gleichheit“ diffamiert, nicht verblenden lässt, nicht einschüchtern lässt.

Kritik übe er primär, um die Kräfte der Sozialdemokraten zu stärken. Seine Parole von der „Erwachsenheit“ habe Doppelcharakter, etwas Ethisches und etwas Politisches. Und so stelle er sich nun die Frage, ob seine Kollegen von der WU darin eine Relevanz zur Nachhaltigkeitsdebatte entdeckt hätten. Das Phänomen der Entpolitisierung unserer Probleme, also auch hier?!? Moralisierung als Ablenkungsmanöver!?! Noch in den 70er/80er Jahren habe sich allgemein Hoffnung ausgebreitet, dass sich die Gesellschaft nun in Bezug auf die Ressourcenfrage einigen könnte (1972 – Bericht des Club of Rome, Dennis Meadows „Grenzen des Wachstums“). Leider habe sich diese Hoffnung bald als falsch erwiesen.

(c) Roman Reiter/WU

Weitere Fragen wurden von den drei Podiumsdiskussionsteilnehmern aus der Professorenschaft der WU aufgeworfen – wie kontroversiell auch immer, zum Streiten kam es nicht. Was denn nun hinter Pfallers Vorschlag, „Erwachsenensprache“ zu praktizieren, stecke, sollte das Denkverbote implizieren, so Prof. Ingolfur Blühdorn – und, wie denn nun allein die Fiktion der Gleichheit hier weiterhelfen könne, so Prof. Verena Madner. Sollte es einer mündigen Bürgerschaft nicht zumutbar sein, Nebenschauplätze zumindest zu bemerken. Sei die Koinzidenz von sozialen Einbrüchen mit der postmodernen Entwicklung wirklich derart offensichtlich – könne man nicht gleichzeitig auf Differenzen und auf Gleichheit achten, so Fred Luks.  Aus der Sicht des Philosophen, Robert Pfaller, zumindest nicht. Probleme der Ungleichheit könne man nur von der Klasse her lösen, damit die Frage der Identität gewahrt bleiben kann. Und der Soziologe Blühdorn meint, da würden sich jetzt aber die Soziologen und das Feuilleton die Augen reiben und sich fragen, wo denn da die Verbindung liege – liegt sie vielleicht bei der Fiktion vom „mündigen Bürger“? – tja, da hätten wir es wohl mit einer Dialektik der Demokratie zu tun!

Ein älterer Herr aus dem Publikum kann endlich zu Wort kommen – und er gibt seinem Unmut Ausdruck, dass ihn diese Diskussionsveranstaltung sehr an seine Studentenzeit erinnere, auch damals habe Diskurs nie zur Lösung der aktuellen Probleme geführt. Blühdorn meint beschwichtigend, wie wichtig es sei, die Qualität des politischen Diskurses zu wahren, dazu gehöre eben die aktuelle Analyse. Es sei nun Pfallers Vortrag diesbezüglich ein wichtiger Beitrag gewesen.

Ein Umweltgemeinderat aus NÖ meldet sich auch verdrossen zu Wort. Er habe nicht viel verstanden. Aber ER wisse sehr wohl was er persönlich vor Ort tun kann – er habe auch schon viel getan – das sei aber letztlich sehr, sehr ermüdend.  – Applaus!

Blühdorn in Verteidigung Pfallers Vortrag:  dessen Angelpunkt sei der „mündige Bürger“ gewesen – und wenn dieser Begriff einmal ausgehöhlt ist, dann sei’s kein Wunder, wenn die Demokratie den Bach runtergeht.

Fazit:

„Was kann die Wirtschaftwissenschaft dagegen machen?“  –  eine gute Frage, dafür bräuchte es noch viel mehr Emotionalität (Statussymbole etc.), so die Konsumforscherin, Bernadette Kamleitner. Vergessen wir doch politische und ökologische Korrektheit! Es bräuchte ein Mehr an konzentrierten Analysen, ein Weniger an Verschleierung und ein Weniger an Partikulärem – und, es bräuchte hin und wieder auch eine gewisse Portion an Selbstironie.

Meine Meinung und Frage dazu: Nicht nur Naturwissenschafter, sondern auch aufgeklärte Wirtschaftswissenschafter und andere solidarische Ökonomen, Soziologen und Psychologen sollten versuchen, den Begriff der Nachhaltigkeit aus seiner schwammigen Hülle zu lösen, ihn wieder „zurück zum Ursprung“ zu bringen. Könnten sie das tun, indem sie jetzt – gemeinsam mit engagierten Umwelt- und Entwicklungsexperten und mit all den zivilgesellschaftlich organisierten Menschen – das Ziel der „Großen Transformation“ in einer Art „Peer Review“ klären (erklären): die Bedürfnisse heutiger Generationen zu befriedigen und die Lebensqualität für alle Menschen langfristig zu sichern?

Observierung von Denkgebot und Sprechverbot für Nachhaltigkeits-Trittbrettfahrer und andere Saubermänner, eine Herausforderung für SDG-watch! 

 

Ilse Kleinschuster, Wien im März 2018

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