Aktueller Film von Werner Boote: The Green Lie

 

(cooppaAurelia Jurtschitsch, 20.03.2018) Die Grüne Lüge? – Man hätte auch die Mehrzahl verwenden können, denn es gibt eine Vielzahl an Behauptungen und Vertuschungsstrategien von Konzernen zum Zwecke des Greenwashing. Werner Boote pickt sich nach dem einschlägigen Aufdeckerfilm Plastic Planet (u.a.) nun für den kürzlich auf der Berlinale vorgestellten Film The Green Lie einige der bekanntesten green fakes heraus: Die als nachhaltig zertifizierte Palmölindustrie, die nur aufgrund (meist illegalen!) Urwald-Brandrodungen existieren kann, die Erdölindustrie anhand des BP-Konzerns und dessen skandalösem Umgang mit dem Ölteppich aus Millionen Litern Rohöl nach der Explosion des Bohrturms Deepwater Horizon, die Augenauswischerei um Elektroautos und den größten CO2-Emittenten Europas, den Konzern RWE, der seinen verwüstenden Kohletagbau zur Stromgewinnung mit Windrädern säumt, „begrünt“. Schon mal davon gehört? Umso besser. Es kann nicht oft genug thematisiert werden, in allen Facetten.

Die eigentliche Aufdeckerin ist allerdings Kathrin Hartmann, die schon 2009 mit dem Buch Ende der Märchenstunde den Lohas – den einen Lifestyle of Health and Sustainability zu praktizieren glaubenden Personen – einen Spiegel vorhielt und 2015 zu den Top Ten der Zukunftsliteratur für Aus kontrolliertem Raubbau gezählt wurde. Sie kennt die Fakten, die (Gegen-)Argumente, wenn Boote in seiner vorgeblich leutseligen Manier einfachste Fragen stellt, um in die jeweilige Thematik/Problematik einzuleiten. Und um nach dem Disput mit ihr seine jeweiligen Schlussfolgerungen zu ziehen bzw. Forderungen an, ja, an wen? – die Politik, die Wirtschaft, die Zivilgesellschaft?! – zu richten.

 

Hauptlüge demnach: Nachhaltiger Konsum hilft „die Welt zu retten“. Mitnichten. Vielmehr sollen die – meist selbst gemachten – Nachhaltigkeits-Siegel der Konzerne die Konsumenten beruhigen und zu weiterem Konsum anregen, was den Konzernen sehr zugute käme – von Coca Cola über IKEA, von BP (British Petroleum alias Beyond Petroleum) zu Tesla etc. Da kommt die Frage nach Verzicht auf, wobei Boote, quasi stellvertretend für „uns“, bekennt, dass das nicht sein Ding ist. Diesmal hat Kathrin Hartmann Verständnis, denn es sollen die Konzerne verzichten, und zwar auf ihre vordergründige For-Profit-Strategie, auf Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen – und auf ihre Pseudo-Nachhaltigkeit. Tatsächlich hört man aus den Statements der Konzernchefs heraus, dass sie gelernt haben, was zu sagen ist, um clean und green, also nachhaltig, wahrgenommen zu werden. Es ist eine Trias aus Wirtschaftlichkeit, ökologischem und sozialem Bewusstsein. Die Lücke, die Lüge steckt in der mangelnden Umsetzung bzw. in einer behaupteten  Umsetzung laut Zertifikat, das allerdings Überprüfungen nicht standhalten würde. Und niemand kann es anklagen oder einfordern.

Zur Lösungsfindung werden Umweltschützer und Wissenschaftler zu Rate gezogen. So echauffiert sich Raj Patel von der University of Texas, Austin, darüber, dass es Aufgabe des Konsumenten ist, bei jedem Einkauf über gut oder böse des Produktes entscheiden zu müssen/sollen/können. Es müßte seiner Ansicht nach verboten sein, „böse“ Produkte zu erzeugen. Radikaler sieht es der Altmeister der Globalisierungsgegner Noam Chomsky: Systemänderungen mussten immer erkämpft werden. – Genau das machen die Indigenen des Mato Grosso do Sul in Brasilien, die zuletzt besucht werden. Gewaltsam enteignetes Land wird versucht, Stück für Stück wieder zurückzuerhalten. Es ist tatsächlich ein Kampf mit allen Mitteln im Hinblick auf ein Lebensmodell, in dem Mensch und Natur an erster Stelle stehen. Boote selbst ist nicht der große Kämpfer. Er macht Filme.

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